Neulich lief mir ein YouTube-Video über den Bildschirm, in dem ein deutscher Auswanderer eine Frage stellt, die ich nach über dreißig Jahren im Land gut kenne: Man grüßt die Nachbarn, plaudert mit der Kassiererin im Minimarkt und dem Paketboten, paukt Vokabeln, aber hat man deshalb echte thailändische Freunde? Die Zahlen dazu sind merkwürdig. In der Umfrage Expat Insider 2026 von InterNations landen die Thais als freundlichste Einheimische der Welt auf Platz 1.
Thailändische Freunde und der Widerspruch in der Statistik
Freundlich ist nicht dasselbe wie befreundet, und genau diese Lücke steckt in den Daten. Von den 7.786 Befragten weltweit bewerten die Expats in Thailand ihr Leben so gut wie nirgendwo sonst: 86 Prozent sind zufrieden, 42 Prozent wollen für immer bleiben, beim Gefühl, zu Hause zu sein, liegt Thailand auf Platz 1. Klingt nach Familienanschluss. Muss es aber nicht sein.
Im selben Bericht steht nämlich ein Satz, den man leicht überliest: 80 Prozent der Expats in Thailand finden es schwer, Thailändisch zu lernen, weltweit sagen das nur 40 Prozent über ihre jeweilige Landessprache. Wer die Sprache nicht spricht, bekommt das Lächeln, den Wai (den Gruß mit gefalteten Händen) und jede Hilfsbereitschaft. Das Gespräch am Küchentisch, wo Freundschaft tatsächlich entsteht, bekommt er selten.
Einheimische Freunde finden: In Deutschland ist es noch schwerer
Bevor wir uns über die Thais beschweren, lohnt ein Blick in den Spiegel, und der ist unbequem. Deutschland landet im selben Ranking auf Platz 30 von 31 Ländern. 57 Prozent der Ausländer dort finden es schwer, einheimische Freunde zu gewinnen, nur 43 Prozent halten die Deutschen überhaupt für freundlich. Österreich (29.) und die Schweiz (26.) stehen im Index fürs Einleben ebenfalls unter den letzten sechs.
Die Frage aus dem Video, ob man hier Freunde findet wie in Europa, hat also einen Haken: Auch in Europa findet der Zugezogene keine Freunde wie in Europa. Freundschaften unter Erwachsenen wachsen dort aus Schule, Lehre, Verein und Studium, also aus Jahrzehnten gemeinsamer Geschichte. Wer mit sechzig nach Jomtien zieht, bringt diese Geschichte nicht mit. Oha. Das gilt in Bottrop genauso wie in Buriram.
Kreng jai: Warum das thailändische Lächeln nichts verspricht
Ein Schlüsselwort heißt kreng jai (เกรงใจ), grob übersetzt: die Scheu, anderen zur Last zu fallen oder sie in Verlegenheit zu bringen. Der Nachbar sagt nicht Nein, er sagt Vielleicht. Die Verkäuferin lacht über den schlechten Witz, weil Nichtlachen unhöflich wäre. Für uns Langnasen, die gelernt haben, dass Offenheit ein Zeichen von Vertrauen ist, fühlt sich das wie Nähe an.
Es ist aber zunächst Höflichkeit, und zwar eine hochentwickelte. Thais wahren das Gesicht, das eigene wie das fremde, und ein Fremder mit ungewissem Rang bekommt die volle Dosis Freundlichkeit, gerade weil man ihn noch nicht einordnen kann. Wer das für Freundschaft hält, wird enttäuscht. Wer es als Einladung versteht, sich langsam einordnen zu lassen, hat schon halb gewonnen.
Phuean kin und phuean tai: Zwei Sorten Freunde
Für unser Problem haben die Thais ein geläufiges Sprichwort: phuean kin ha ngai, phuean tai ha yak (เพื่อนกินหาง่าย เพื่อนตายหายาก). Freunde zum Essen findet man leicht, Freunde bis in den Tod findet man schwer. Der phuean kin sitzt mit am Tisch, lacht, erzählt und bestellt noch eine Runde Som Tam. Der phuean tai steht nachts um drei vor der Notaufnahme.
Die meisten von uns Ausländern landen in der ersten Kategorie, und viele verwechseln sie mit der zweiten. Das ist keine thailändische Gemeinheit, die Unterscheidung gilt unter Thais genauso. Auch der Bangkoker, der nach Chiang Mai zieht, hat dort erst einmal nur Essensfreunde. Die zweite Sorte entsteht über Jahre, über gegenseitige Gefälligkeiten und über Krisen, die man gemeinsam übersteht.
Geld, Alter, Status: Die Schieflage zwischen Farang und Thai
Jetzt wird es heikel, aber wer über Freundschaft redet, muss über Geld reden. Laut InterNations sind 40 Prozent der Expats in Thailand bereits im Ruhestand, weltweit sind es 14 Prozent. Der typische deutsche Auswanderer ist also älter, finanziell unabhängig und hat Zeit. Sein thailändischer Nachbar ist oft jünger, arbeitet lange und rechnet in Baht, nicht in Rentenpunkten.
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In einer Kultur, in der Alter und Status die Rangordnung bestimmen, ist so ein Gefälle kein Nebendetail. Der ältere, wohlhabendere Farang wird respektiert, eingeladen, bedient. Auf Augenhöhe kommt er dadurch nicht. Freundschaft braucht aber Augenhöhe, und die entsteht erst, wenn beide Seiten geben und nehmen und nicht einer zahlt, während der andere dankt.
Woran es bei uns Ausländern liegt
Weltweit sagen 37 Prozent der befragten Expats, ihr Freundeskreis bestehe überwiegend aus anderen Ausländern. Ich kenne in Pattaya Stammtische, an denen dieser Wert eher bei hundert liegt. Man sitzt unter sich, schimpft über die Einwanderungsbehörde, über den Verkehr, über die Thais, und wundert sich dann, dass die Thais nicht vorbeikommen. Nanu?
Dazu kommt eine sehr deutsche Ungeduld. Wir wollen Ergebnisse, auch in der Freundschaft, am liebsten mit Frist und Stempel. Wer nach zwei Jahren beleidigt feststellt, dass ihn niemand zur Hochzeit der Nichte eingeladen hat, hat die Rechnung ohne die Zeit gemacht. Und wer jede zweite Begegnung mit einer Belehrung beginnt, wie man das daheim besser machen würde, bleibt zu Recht draußen.
Thailändisch lernen: Warum Sprachkenntnisse im Alltag Nähe schaffen
Die Sprache ist kein Zusatz, sie ist der Schlüssel, und ich sage das als jemand, der sich jahrelang mit den fünf Tönen herumgequält hat. Mit Englisch und Zeigefinger kommt man durch den Alltag, aber nicht in die Witze und nicht in den Tratsch über den Dorfvorsteher. Genau dort, im Beiläufigen, entscheidet sich, ob man dazugehört oder nur geduldet wird.
Perfektion verlangt niemand. Wer die Grundlagen beherrscht, versteht und nachfragt, wird anders behandelt als der Gast, der nach zehn Jahren noch „khop khun khrap“ radebrecht. Wer ernsthaft Thailändisch lernen will, nimmt Unterricht statt nur Apps zu vertrauen und spannt die Nachbarn als Übungspartner ein. Die lachen über Fehler, aber dann lachen sie mit einem.
Tempelfest, Beerdigung, Markt: Wo Integration in Thailand gelingt
Nähe entsteht dort, wo Thais ohnehin zusammenkommen. Das ist der Tempel beim Tham Bun, dem Verdienst erwerben, das ist das Dorffest, und das ist, so seltsam es klingt, die Beerdigung. Wer eingeladen wird, geht hin, bringt einen Umschlag mit und hilft beim Stühleschleppen. Das merkt man sich, oft länger als jede Geburtstagsfeier mit Torte.
Genauso wichtig ist Regelmäßigkeit: immer dieselbe Garküche, derselbe Friseur, derselbe Dienstagsmarkt. Aus dem Farang wird dann irgendwann Lung Peter, Onkel Peter, und das ist mehr als ein Spitzname. Wer auf dem Land lebt, etwa im Isaan, stellt sich am besten gleich beim Phu Yai Ban vor, dem Dorfvorsteher, der ohnehin alles erfährt.
Dazugehören, ohne Thai zu werden: Mein Rat nach Jahrzehnten
Liegt es nun an uns oder an den Thais? An beiden, und an etwas Drittem, nämlich an der Erwartung. Wer einen Freundeskreis nach europäischem Muster sucht, mit Duzfreund und Umzugshilfe, sucht hier das falsche Modell. Thais knüpfen Freundschaft über Familie, Schule, Arbeit und geteilte Verpflichtungen. Man wird selten Mitglied, eher Verwandter ehrenhalber.
Mein Rat: Geben Sie Zeit und Gegenseitigkeit, und verleihen Sie kein Geld, um eine Freundschaft zu testen, das beendet sie meist. Lernen Sie die Sprache wenigstens so weit, dass man mit Ihnen scherzen kann. Und akzeptieren Sie einen Rest Fremdheit. Meine Nachbarin nennt mich nach all den Jahren immer noch Farang. Nur sagt sie es inzwischen so, wie man daheim Opa sagt.
Anmerkung der Redaktion
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Die Zahlen stammen aus der Umfrage Expat Insider 2026 von InterNations (7.786 Befragte, erhoben Februar bis März 2026) und beruhen auf Selbstauskünften von Mitgliedern eines Expat-Netzwerks, nicht auf einer repräsentativen Stichprobe. Die kulturellen Beobachtungen geben die persönliche Erfahrung des Autors wieder. Hinweis: Dieser Artikel enthält Links zu unseren Werbepartnern.

Ich finde keine Thai-Freunde weil ich nicht danach suche. Thailändische Kultur und Mentalität lösen bei mir zu oft Kopfschütteln und Stirnrunzeln aus.