Wer länger in Thailand lebt, kennt den Begriff Mia Noi, die „kleine Frau“. Viele Auswanderer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz gehen davon aus, dass solche Arrangements in einem Land, dessen Bevölkerung zu rund 95 Prozent buddhistisch ist, von der Religion missbilligt werden müssen. Beim Stichwort Buddhismus und Polygamie liegt das Verhältnis jedoch anders, als westliche Moralvorstellungen es vermuten lassen.
Dieser Beitrag erklärt, was der Pali-Kanon zur Sexualmoral tatsächlich sagt, warum das entscheidende dritte Gelübde nicht die Zahl der Partner regelt und wie Siams oberster Geistlicher die Mehrehe einst religiös begründete. Das Ergebnis hilft, ein kulturelles Phänomen einzuordnen, das sich westlichen Kategorien entzieht.
Die Ehe ist im Buddhismus eine weltliche Sache
Der Buddhismus betrachtet die Ehe als weltliche Angelegenheit zwischen zwei Menschen oder Familien. Er schreibt weder Einehe noch Mehrehe noch irgendeine andere Form verbindlich vor. Ein buddhistisches Trauungsritual im kanonischen Sinn existiert nicht, und kein Mönch muss eine Eheschließung vollziehen.
Auch das Tipitaka, die Sammlung der grundlegenden buddhistischen Schriften, enthält keine klare Regelung der Ehe. Die Frage, wie viele Partner einem Menschen zustehen, war damit nie eine Frage, die der Buddhismus überhaupt zu beantworten beanspruchte. Wer hier ein religiöses Verbot erwartet, sucht in den falschen Texten.
Das dritte Gelübde und sein Wortlaut
Was den Buddhismus für Laien sehr wohl beschäftigt, sind die Fünf Silas, die grundlegenden ethischen Selbstverpflichtungen. Das dritte davon betrifft die Sexualmoral. Im Pali lautet es: kāmesu micchācāra veramaṇī sikkhāpadaṃ samādiyāmi, sinngemäß die Selbstverpflichtung, Fehlverhalten in sinnlichen Dingen zu meiden.
Der Begriff kāma meint sinnliches Vergnügen im weiten Sinn, auch wenn sexuelles Verhalten der Hauptfall bleibt. Schon hier zeigt sich ein Unterschied zur westlichen Tradition: Das Gelübde benennt keine verbotenen Akte und kennt keinen Begriff von sexueller Sünde an sich. Geprüft wird ein einziges Kriterium, das durch alle Auslegungen hindurch wiederkehrt.
Agamya: der Begriff, den kaum jemand kennt
Die frühen Pali-Kommentare bestimmen sexuelles Fehlverhalten über den Begriff agamya: Personen, mit denen sexueller Kontakt eine Verfehlung darstellt. Die Liste umfasst Menschen in einer festen Bindung, Menschen unter der Obhut ihrer Familie, Menschen mit einem Keuschheitsgelübde sowie Menschen, die keine wirkliche Zustimmung geben können.
Die Logik dahinter lautet nicht, dass bestimmte Handlungen unrein wären. Sie lautet, dass diese Konstellationen Täuschung, Verrat, Ausbeutung oder einen Bruch des Vertrauens enthalten. Eine religionswissenschaftliche Studie der Universität Kelaniya deutet den Kern entsprechend: gemeint ist ein Fehlverhalten, das eine bestimmte dritte Partei schädigt. Nicht die Zahl der Partner ist der Verstoß, sondern der Schaden, der anderen zugefügt wird.
Warum es keine sexuelle Sünde an sich gibt
Der entscheidende Unterschied zur abendländischen Tradition liegt im Bezugspunkt. Die christlich geprägte Sexualmoral fragt nach der Reinheit einer Handlung selbst, der Buddhismus fragt nach ihren Folgen für andere. Ein Akt ist nicht verboten, weil er an sich unrein wäre, sondern weil er ein konkretes Opfer hervorbringt.
Daraus folgt eine bemerkenswerte Konsequenz: Geschlecht und Orientierung der Beteiligten spielen für das dritte Gelübde keine Rolle, weil die Kriterien Schaden, Täuschung und Ausbeutung lauten, nicht die Struktur der Beziehung. Der frühe Pali-Kanon kennt keine Stelle, die gleichgeschlechtliche Beziehungen dem sexuellen Fehlverhalten zuordnet. Spätere Einschränkungen einzelner Kulturen spiegeln lokale Sitten, nicht die Lehre selbst.
Wie Siams oberster Geistlicher das Gelübde auslegte
Krom Phraya Vajirananavarorasa, von 1910 bis 1921 zehnter Oberster Patriarch des Buddhismus in Thailand und ein Sohn König Mongkuts, verteidigte die Mehrehe mit eben dieser Logik. Solange ein Mann nicht versuche, einem anderen die Frau zu nehmen oder abspenstig zu machen, habe er das dritte Gelübde nicht verletzt.
Diese Auslegung prägte die Oberschicht des alten Siam über Generationen. Die sittliche Begründung lautete, dass wohlhabende Männer mit weiteren Frauen jenen eine Versorgung boten, die sonst kaum Möglichkeiten hatten, sich selbst zu unterhalten. In dieser kulturellen Logik galt die Mehrehe nicht als Ausschweifung, sondern als Form der Verantwortung.
Das Ende der Polygamie war ein politischer Akt
Bis zum 1. Oktober 1935 ließ sich Polygamie in Thailand frei praktizieren. Das alte Familienrecht kannte drei Kategorien von Ehefrauen: die mia klang muang als offizielle Hauptfrau, die mia klang nok als Zweitfrau und die mia klang thasi als unfreie Frau. Kinder aus allen diesen Verbindungen galten als rechtmäßig.
Das an jenem Tag in Kraft getretene Zivil- und Handelsgesetzbuch schrieb in Paragraf 1452 die Einehe vor. Der Anstoß kam nicht aus einer buddhistischen Reform, sondern aus dem diplomatischen Druck des Westens während der Modernisierung unter König Chulalongkorn. Die Religion hat die Polygamie also weder eingeführt noch abgeschafft.
Lehre und gelebte Wirklichkeit klaffen auseinander
Zwischen dem, was die Schriften sagen, und dem, was im Alltag geschieht, liegt eine Lücke. Die religiöse Auslegung lieferte über Jahrhunderte einen Rahmen, der die Mehrehe der Oberschicht moralisch absicherte, doch sie machte aus ihr nie ein religiöses Gebot. Heute beten nach einer Erhebung des Institute of Southeast Asian Studies nur noch wenige junge Thais täglich.
Für Auswanderer ist die Unterscheidung wichtig, um nicht zwei Dinge zu verwechseln. Religiöse Toleranz gegenüber einer historischen Praxis bedeutet weder rechtliche Anerkennung noch eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Wer die thailändische Sprache und Kultur genauer kennenlernt, versteht solche Spannungen zwischen Norm und Praxis oft besser.
Was der Buddhismus tatsächlich empfiehlt
Aus all dem folgt nicht, dass der Buddhismus mehrere Partner als Ideal ansieht. Die Waldmönchstradition um den 1992 verstorbenen Ajahn Chah, einen der angesehensten thailändischen Lehrer des 20. Jahrhunderts, betont das Loslassen sinnlicher Bindungen und den mittleren Weg zwischen Schwelgen und Entbehrung als Bedingung ernsthafter Praxis.
Ein Leben mit mehreren Partnern schafft mehr familiäre Verstrickung und erschwert die Sammlung des Geistes. Der Weg zu weniger Leiden führt nach buddhistischer Lehre über weniger Anhaftung, nicht über mehr. Ein ausdrückliches Verbot mehrerer Partner enthält die Lehre nicht, wohl aber eine klare Richtung. Wer Thailands Haltung zu Beziehungen verstehen will, findet hier den Schlüssel: Was nach außen freizügig wirkt, ruht auf einer Ethik, die Ehrlichkeit und Verantwortung über eine feste Zahl stellt.
Anmerkung der Redaktion
Dieser Beitrag schildert die religionsgeschichtliche Auslegung buddhistischer Ethik. Er ist keine Rechtsauskunft: Mehrehe ist in Thailand seit 1935 zivilrechtlich nicht zulässig, und die Mia Noi hat keinen gesetzlichen Status.



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