Die nächste Pandemie beginnt nicht im Krankenhaus, sondern im Wald, auf einem Markt oder in einer Lieferkette für lebende Wildtiere. Mit dieser Warnung hat die International Alliance against Health Risks in Wildlife Trade Anfang Juni 2026 ihr neues Weißbuch „Live Wildlife Trade and Markets“ vorgelegt. Der Befund: Der weltweite Handel mit lebenden Wildtieren schafft genau die Bedingungen, unter denen neue Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen.
Für deutschsprachige Leser in Thailand ist das kein abstraktes Thema. Die Region gilt seit Jahren als einer der Knotenpunkte dieses Handels, und der Chatuchak-Markt in Bangkok taucht in den Berichten internationaler Fachleute regelmäßig als Beispiel auf. Der folgende Überblick fasst zusammen, was das Weißbuch belegt, wo die größten Risiken liegen und warum Vorsorge nach Rechnung der Autoren deutlich günstiger ist als die Bewältigung der nächsten Krise.
Warum drei Viertel neuer Krankheiten vom Tier kommen
Fast 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten beim Menschen stammen aus dem Tierreich. Diese Größenordnung ist seit dem IPBES-Bericht von 2020 belegt und bildet die Grundlage des aktuellen Weißbuchs. Erreger wie Ebola, SARS, MERS oder das Coronavirus zählen alle zu den Zoonosen, also den Krankheiten, die zwischen Tier und Mensch wechseln. Die Zahl der Spillover-Ereignisse, bei denen ein Erreger erstmals den Sprung auf den Menschen schafft, nimmt nach Darstellung der Fachleute seit Jahren zu.

Das Reservoir ist groß. Wissenschaftler schätzen, dass in Säugetieren und Vögeln weltweit bis zu 1,7 Millionen noch unentdeckte Viren existieren. Zwischen 540.000 und 850.000 davon könnten grundsätzlich Menschen infizieren. Wie anpassungsfähig solche Erreger sind, zeigt SARS-CoV-2 selbst: Laut Weißbuch ist das Virus auf natürlichem Weg in mindestens 35 verschiedene Tierarten übergesprungen.
Nicht das Tier ist das Problem, sondern der Weg dorthin
Die Gefahr geht nach Darstellung der Autoren nicht vom Wildtier an sich aus, sondern vom Umgang mit ihm entlang der gesamten Handelskette. Fang und Transport bedeuten für die Tiere massiven Stress. Das schwächt ihr Immunsystem und führt dazu, dass sie Viren in besonders hoher Konzentration ausscheiden.
Auf den Märkten kommt der nächste Risikofaktor hinzu. Werden verschiedene Arten auf engstem Raum zusammengedrängt, können Viren leicht genetisches Material austauschen und sich an neue Wirte anpassen. Mangelhafte Hygiene und der direkte Kontakt mit Tierblut schaffen dann die Bedingungen, unter denen historisch verheerende Seuchen wie HIV-1 ihren Anfang nahmen. Aus geschwächten Tieren, fremden Arten und offenem Schlachten wird so nach Einschätzung von Virologen ein Labor, in dem der Zufall die Regie führt.
Ein 220-Milliarden-Geschäft mit Lücken
Der legale Welthandel mit Wildtieren und ihren Produkten hat ein erhebliches Volumen. Daten des CITES-Sekretariats aus dem Jahr 2022 beziffern den jährlichen Umsatz auf rund 220 Milliarden US-Dollar. Dieser legale Handel ist mit einer breiten Palette gefährlicher Zoonosen verknüpft, und er ist um ein Vielfaches größer als der illegale Zweig, der auf bis zu 23 Milliarden Dollar geschätzt wird. Das Weißbuch betont ausdrücklich, dass die Gefahr nicht auf den kriminellen Teil des Geschäfts beschränkt ist.

Hinzu kommt der wachsende Markt für exotische Heimtiere, der auf grenzüberschreitende Lieferketten setzt. Die Gesundheitskontrollen weisen hier große Lücken auf. Selbst Industrieländer wie Großbritannien und die USA verzichten bei bestimmten importierten Wildtieren auf ein systematisches Screening auf Krankheitserreger. So gelangen Tiere mit ungeklärtem Gesundheitsstatus bis in private Wohnzimmer.
Bangkok als Beispiel vor der eigenen Haustür
Wie nah das Thema für viele Leser ist, zeigt der Chatuchak-Wochenendmarkt in Bangkok. Der größte Markt Thailands gilt zugleich als einer der bedeutendsten Heimtiermärkte Südostasiens. Fachleute der NGO EcoHealth Alliance führen die dortige Tierabteilung seit Jahren als Beispiel dafür an, dass die Risiken nicht auf China beschränkt sind.

Ein Teil des Tierhandels bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone, weil die Verkaufsflächen auf Grund der Staatsbahn liegen. Thailands Tierschutzrecht schützt nur heimische Arten, was Tierschützer wiederholt als Schlupfloch kritisiert haben. Untersuchungen des WWF dokumentierten über ein Jahrzehnt den Handel mit geschützten Schildkröten, die fast ausnahmslos aus dem Ausland stammten. Schon vor der Corona-Pandemie galten solche Märkte als Orte, an denen sich Erreger ungehindert mischen können.
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Vorsorge ist billiger als der Schaden
Das Weißbuch verfolgt einen klaren strategischen Ansatz. Es plädiert dafür, von der Reaktion auf Ausbrüche zur Vorbeugung an der Quelle überzugehen. Ohne grundlegende Änderungen, so die Warnung, werden künftige Pandemien zahlreiche Menschenleben kosten und die globalen Lieferketten in Tourismus, Verkehr und Landwirtschaft schwer treffen.
Das Kostenargument ist deutlich. Bessere Überwachung, weniger Entwaldung und eine strengere Regulierung des Wildtierhandels könnten nach Berechnung der Autoren weniger als ein Zwanzigstel der jährlichen wirtschaftlichen Verluste durch Pandemietote kosten. Der Ansatz „One Health“ verbindet die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt zu einem Gesamtbild. Für ein Land wie Thailand, dessen Wirtschaft stark vom internationalen Reiseverkehr abhängt, ist das mehr als eine wissenschaftliche Fußnote.



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