Bangkok versinkt – wie lange noch trockenen Fußes?

Die Stadt sackt ab, der Meeresspiegel steigt – und beides passiert gleichzeitig. Was Wissenschaftler jetzt gemessen haben, ist kein Klimageschwätz. Es ist eine Zahl, die jeden Bangkok-Bewohner direkt betrifft.

Bangkok Luxus-Condos boomen trotz schwacher Konjunktur
Photo by Andreas Brücker on Unsplash

Eine neue Studie der Technischen Universität München legt Zahlen auf den Tisch, die man im täglichen Bangkok-Alltag nicht spürt – aber die für jeden, der hier lebt, kauft oder langfristig plant, relevant sind. Bangkok sinkt. Nicht dramatisch, nicht spürbar, aber messbar: 8,5 Millimeter pro Jahr, laut der im Fachblatt Nature Communications veröffentlichten Untersuchung von Dr. Julius Oelsmann und seinem Team am Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut der TUM.

Was die Studie interessant macht, ist nicht allein die Zahl. Es ist die Kombination: Bangkok sinkt, während der Meeresspiegel steigt. Der Effekt addiert sich. Und wer hier eine Wohnung im Erdgeschoss hat, ein Haus im Süden der Stadt, oder die nächste Monsun-Saison plant, sollte das verstehen.

Was die TUM-Forscher gemessen haben

Die Studie erfasst vertikale Landbewegung entlang von Küstenregionen weltweit und setzt sie in Relation zum Meeresspiegelanstieg. Das Ergebnis: In dicht besiedelten Küstenstädten erleben die Menschen einen relativen Meeresspiegelanstieg von durchschnittlich 6 Millimetern pro Jahr – dreimal so viel wie der globale Schnitt von 2,1 Millimetern entlang von Küstenlinien. Der Grund ist, dass das Land selbst nach unten wandert und damit den Effekt des klimabedingten Anstiegs verdoppelt oder verdreifacht.

Bangkok liegt in dieser Rangliste auf Platz drei. Jakarta führt mit 13,7 Millimetern pro Jahr, Tianjin folgt mit 13,5 Millimetern. Bangkok kommt auf 8,5 Millimeter. Zum Vergleich: Die USA, die Niederlande und Italien kommen auf 4 bis 5 Millimeter – halb so viel. Thailand gehört laut Studie zu den am stärksten betroffenen Ländern weltweit, gemeinsam mit Bangladesch, Nigeria, Ägypten, China und Indonesien.

Warum Bangkok auf Ton gebaut ist

Unter Bangkok liegt eine 15 bis 30 Meter dicke Schicht marinen Tons – sogenannter Bangkok Clay. Dieser Untergrund ist von Natur aus komprimierbar. Wenn Wasser aus den darunter liegenden Aquiferen abgepumpt wird, gibt der Ton nach. Die Stadt sackt ab. In den frühen 1980er Jahren, auf dem Höhepunkt der unkontrollierten Grundwasserentnahme für Industrie und Bevölkerungswachstum, sank Bangkok stellenweise mit 120 Millimetern pro Jahr – zehn Zentimeter, ein Stockwerk in einem Jahrhundert.

Die Thai-Regierung reagierte damals: Grundwasserzonen wurden reguliert, Pumpleistungen gedeckelt, Gebühren eingeführt. Die Absenkungsrate sank. Heute sinkt die Innenstadt im Schnitt rund 10 Millimeter pro Jahr – was die TUM-Studie bestätigt. Randbezirke und neu erschlossene Gebiete am Stadtrand sollen noch schneller absinken, weil dort die Regulierung weniger konsequent greift.

Was das im Alltag bedeutet

Bangkok liegt bereits heute zwischen 0,5 und 2 Metern über dem Meeresspiegel – je nach Stadtteil. Sukhumvit, Silom, die Innenstadt: noch vergleichsweise hoch. Teile von Bangkoks Peripherie, entlang des Chao-Phraya-Deltas und im Süden der Metropole: in einigen Abschnitten bereits auf Meereshöhe oder darunter. Wer dort wohnt, verlässt sich auf ein System aus Deichen, Schleusen, Pumpstationen und Kanälen. Das System funktioniert – solange es gewartet wird und solange die Regenmengen nicht zu extrem werden.

Juli 2024 zeigte in Pattaya, was passiert, wenn Kapazitätsgrenzen überschritten werden: eine Stunde Regen, fast zwei Meter Wasser auf Straßen. Bangkok hatte ähnliche Bilder – 2011 stand die gesamte Metropolregion wochenlang unter Wasser, Schäden von über 45 Milliarden US-Dollar. Das waren extreme Ereignisse. Aber die Grundlinie verschiebt sich: Wer tiefer liegt, hat bei jedem Extremregen weniger Spielraum.

Tokyo hat es vorgemacht

Co-Autor Prof. Florian Seitz nennt in der Studie ausdrücklich Tokio als Beispiel dafür, dass Regierungen das Problem in den Griff bekommen können. Tokio sank in den 1960er Jahren in einigen Stadtteilen mit bis zu 240 Millimetern pro Jahr – das ist das 28-fache von Bangkoks aktuellem Wert. Die Tokioter Stadtregierung schloss Pumpen, kaufte Bergbaurechte auf und verbot neue Brunnen in den am stärksten betroffenen Gebieten. Das Ergebnis: Die Absenkung verlangsamte sich auf unter 1 Zentimeter pro Jahr und hörte in weiten Teilen ganz auf.

Bangkok hat diesen Weg bereits begonnen – aber noch nicht zu Ende gegangen. Die Pumpkontrollen gelten in erster Linie für die Kernstadt. In der Peripherie wird weiter gepumpt. Neue Hochhäuser, neue Industriegebiete, neue Logistikzentren: Jedes Gebäude ist Gewicht auf einem Boden, der nachgibt. Laut TUM-Studie könnten besseres Grundwassermanagement und gezielte Aquifer-Auffüllung das Absinken weiter verlangsamen – wenn der politische Wille da ist.

Stört Sie die Werbung?
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
ZUM ANGEBOT

Was das für Immobilien bedeutet

Wer in Bangkok kauft, sollte wissen, in welchem Stadtteil er kauft und auf welcher Höhe das Gebäude liegt. Sukhumvit, Asok, Phrom Phong – historisch höher gelegen, bessere Drainage. Gebiete entlang der alten Kanalnetze im Süden und Westen der Stadt, Teile von Thonburi, Randbezirke in Richtung Samut Prakan: tiefer, mehr Überschwemmungsrisiko, mehr Abhängigkeit von Infrastruktur, die regelmäßig unter Druck steht. Das ist keine Horrorstory – es ist ein Planungsfaktor, den Käufer in Rotterdam und Amsterdam seit Jahrzehnten kennen. Flutrisikokarte vor dem Mietvertrag: keine schlechte Idee.

Die Studie selbst macht keine Prognose für einzelne Stadtteile, aber sie zeigt die Richtung. Wer langfristig in Bangkok plant – sei es mit Eigentumsplanung oder mit Mietentscheidung – tut gut daran, Erdgeschosslage und Stadtteil-Topografie als Kriterium ernst zu nehmen.

Was jetzt zu tun ist

Panik hilft hier nicht weiter. Bangkok ist nicht Jakarta. Die Absenkungsrate ist halb so hoch, die Regulierungsgeschichte ist älter, das Pumpmanagement funktioniert besser. Aber nüchtern betrachtet: Die Kombination aus sinkendem Boden, steigendem Meeresspiegel und intensiveren Regensaisonen addiert sich. Wer in Bangkok lebt, sollte wissen, wo sein Stadtteil liegt – im wörtlichen Sinne.

Die TUM-Studie ist kein Grund, aus Bangkok wegzuziehen. Sie ist ein Grund, die Klimarisiken der Stadt kennen und beim nächsten Wohnungswechsel auf der Karte nachschauen, auf welchem Meter über dem Meer man seine Möbel abstellen will.

Newsletter abonnieren

Newsletter auswählen:
Abonnieren Sie den täglichen Newsletter des Wochenblitz und erhalten Sie jeden Tag aktuelle Nachrichten und exklusive Inhalte direkt in Ihr Postfach.

Wir schützen Ihre Daten gemäß DSGVO. Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Wichtiger Hinweis für unsere Leser

Wir freuen uns auf Ihren Beitrag! Bitte beachten Sie für ein freundliches Miteinander unsere Regeln:

  • Höflichkeit: Keine Beleidigungen, Kraftausdrücke oder Gewaltandrohungen.
  • Sorgfalt: Bitte achten Sie auf die korrekte Schreibweise von Namen.
  • Quellen: Zitate nur mit Namensnennung (Internet-Links/URLs sind nicht erlaubt).
  • Themen: Bitte keine Kritik an der Regierung, der Monarchie oder Diskussionen zur Moderation.
Vorbehalt der Redaktion: Wir behalten uns das Recht vor, Kommentare nachträglich zu bearbeiten oder zu löschen, sollten diese gegen unsere Regeln oder geltendes Recht verstoßen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Daten bleiben 30 Tage lokal im Browser-Cookie.