Der Kok-Fluss im Norden Thailands ist vergiftet. Nicht leicht, nicht vorübergehend — sondern mit Arsen, Cadmium, Chrom und Quecksilber, die aus unregulierten Minen jenseits der myanmarischen Grenze ins Wasser gespült werden. Was Fischer wie Kob Kotkam seit Monaten wussten, weil ihre Netze leer blieben und ihre Haut brannte, haben Wissenschaftler der Universität Chiang Rai inzwischen an sieben Messpunkten bestätigt: Der Fluss ist krank — und niemand weiß, wie lange noch.
Die Vergiftung des Kok ist kein lokales Problem mehr. Der Fluss mündet in den Mekong, der durch sechs Länder fließt. Über 60 Millionen Menschen im unteren Mekong-Becken sind von seinen Fischen und seinem Wasser abhängig. Was im Shan-Staat Myanmars abgebaut und ins Wasser geleitet wird, landet irgendwann auch auf Tellern weit entfernt — in Laos, Kambodscha, Vietnam.
Tha Ton: Wo der Gift-Fluss Thailand betritt
Tha Ton ist der erste Ort, an dem der Kok nach Thailand fließt. Die kleine Stadt im Distrikt Mae Ai, Provinz Chiang Mai, lebte vom Tourismus: Besucher kamen wegen der Berge, der Ruhe, der Flusslandschaft. Heute gleicht das Dorf einer Geisterstadt. Die Restaurants am Ufer sind leer, die Hotels kaum belegt, die Straßen still. Reisebüros stornieren Buchungen, seit die Behörde für Umweltverschmutzungskontrolle (PCD) im März 2025 erstmals überhöhte Arsenkonzentrationen im Fluss gemessen hat.
Saranya Sukcharaen, Inhaberin eines 22-Zimmer-Hotels direkt am Fluss, verlor mehr als die Hälfte ihrer Reservierungen. Ihre ausländischen Gäste fragten nicht nur nach dem Flusswasser, sondern auch nach dem Leitungswasser im Hotel. Antworten konnte sie nicht geben. Die Behörden empfehlen seitdem, in besonders betroffenen Gebieten nur noch abgefülltes Wasser zu trinken — eine Belastung, die ärmere Familien auf dem Land besonders hart trifft.
Die Minen auf der anderen Seite der Grenze
Im Shan-Staat, direkt hinter der thai-myanmarischen Grenze, kontrolliert die United Wa State Army (UWSA) ein Gebiet, in dem seit 2021 die Zahl der Bergbaulizenzen explodiert ist. Sieben chinesische Unternehmen betreiben dort nach Recherchen von Khaosod English seit 2023 Goldminen nahe dem Kok.
Das Stimson Center hat per Satellitenaufnahmen mindestens drei aktive Seltene-Erden-Minen direkt am Oberlauf identifiziert. Die giftigen Abbaurückstände — Zyanid, Quecksilber, Ammoniumsulfat — werden ohne Behandlung in die Nebenflüsse geleitet und fließen von dort in den Kok.
Was hier gefördert wird, landet nicht in Myanmar. Die schweren Seltenen Erden — Dysprosium, Terbium — gehen in Rohform nach China, wo sie zu Magneten für Windkraftanlagen, Elektrofahrzeuge und Militärtechnik verarbeitet werden. China besitzt in diesem Bereich nahezu ein Monopol. Das chinesische Außenministerium erklärte auf Anfrage, man sei über die konkrete Situation nicht informiert; chinesische Unternehmen im Ausland seien verpflichtet, lokale Umweltgesetze einzuhalten. Im Shan-Staat gibt es de facto keine.
Was die Messungen zeigen
Toxikologe Wan Wiriya von der Universität Chiang Mai hat Wasserproben an sieben Stellen entlang des Kok entnommen. Ergebnis: Alle verseucht — mit Arsen als Hauptbefund, daneben Cadmium, Chrom und Quecksilber. Die Belastung steigt Richtung myanmarischer Grenze messbar an. Die PCD führte bis August 2025 neun Messrunden durch; die ersten acht überschritten bei jedem Checkpoint den Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Liter. Erst in der neunten Runde lagen die Werte wieder darunter — ein temporärer Rückgang, den Forscher noch nicht erklären können.
In Chiang Rai wurden erhöhte Arsenkonzentrationen bereits im Trinkwasser gemessen. Prof. Suebsakun Kidnukorn von der Mae Fah Luang Universität warnt: Eine Sanierung des Flusses kann erst beginnen, wenn die Verschmutzung an der Quelle stoppt. Solange die Minen laufen, werde die Belastung zunehmen. Seine Prognose für besonders gefährdete Gruppen, darunter schwangere Frauen, ist düster. Die Situation werde sich in den nächsten drei Jahren verschlimmern, wenn nicht schnell gehandelt wird.
Fischer ohne Beruf, Bauern ohne Boden
Kob Kotkam ist Fischer in Tha Ton. Seit Monaten geht er nicht mehr ans Wasser. Nicht weil er nicht darf, sondern weil er es nicht mehr kann — Hautreizungen, Pusteln, der Verdacht, dass das Wasser dahintersteckt. Die Fischbestände sind eingebrochen. Was früher seinen Lebensunterhalt sicherte, ist heute eine Gesundheitsgefahr. Landwirt Santi Saewoo musste die oberste Erdschicht seiner Felder komplett abtragen, bevor überhaupt wieder etwas wächst. Sein Einkommen ist auf unter die Hälfte gefallen.
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Solche Einzelschicksale multiplizieren sich entlang des gesamten Flusslaufs. Das unabhängige Recherchemedium Lanner hat den wirtschaftlichen Schaden für 20 Gemeinden in Chiang Rai erfasst: 511 Millionen Baht allein in Landwirtschaft und direkte Einnahmen. Rechnet man Fischerei und Tourismus dazu, kommt die Studie auf 1,3 Milliarden Baht — pro Jahr. Das ist der Preis dafür, dass ein Bergbauunternehmen jenseits der Grenze keine Kläranlagen betreibt.
Der Mekong als nächste Stufe
Der Kok ist nur ein Zufluss. Westlich davon verseuchte der Sai-Fluss, ebenfalls aus Myanmar kommend, im April 2025 die Grenzregion bei Mae Sai. Im November 2025 meldete die PCD erhöhte Arsenkonzentrationen auch entlang der thai-laotischen Grenze, von Loei bis Nakhon Phanom. Die Mekong-Flusskommission (MRC) reagierte, indem sie 2025 erstmals eigene Arsen-Tests entlang des Mekong durchführte — ein Schritt, der jahrelang ausblieb, weil reguläre MRC-Tests schwere Metalle gar nicht erfassen. Nahe Chiang Rai lagen die Werte zu hoch; beim laotischen Luang Prabang noch unter der Gefahrenschwelle.
Brian Eyler vom Stimson Center bringt es auf den Punkt: Fast jeder in Südostasien konsumiere Produkte, die entlang der großen Flüsse angebaut werden — Reis, Fisch, Gemüse. Giftige Schwermetalle aus Myanmar landen letztlich in Lieferketten, die bis nach Europa reichen. Produkte aus dem Mekongdelta finden sich, wie Eyler CNN gegenüber erklärte, in US-amerikanischen Supermärkten.
Thaiands Regierung: Arbeitsgruppen statt Lösungen
Die thailändische Regierung hat drei Arbeitsgruppen eingesetzt — für Gesundheitsfolgen, internationale Koordination und alternative Wasserversorgung. Das Außenministerium führt Gespräche mit Myanmar und chinesischen Stellen. Ex-Premier Thaksin Shinawatra bot an, seine persönlichen Kontakte zu nutzen.
Das Wasserressourcenamt (ONWR) wartet auf eine Antwort aus Naypyidaw. Verwaltungsleiter Tasanapol Kambutr aus Tha Ton fasst die Lage nüchtern zusammen: Man habe alle Informationen weitergegeben, aber noch kein Wort gehört, wie das Problem mit Myanmar und den Minen gelöst werden soll.
Ein Plan des Wasserressourcenamts sieht Sedimentbarrieren im Kok-Fluss vor — Kosten: 8,6 Milliarden Baht. Betroffene Gemeinden lehnen das ab. Sie zweifeln an der Wirksamkeit, fragen nach den Umweltauswirkungen der Barrieren selbst und weisen darauf hin, dass eine Barriere das Problem verlagert, nicht löst. Solange die Minen laufen, liefern sie weiter Gift. Umweltaktivistin Saengrawee Suweerakan aus Tha Ton formuliert es klar: Die Regierung hat keinen echten Aktionsplan. Forderungen nach Tests von Ernteprodukten und Flusswasser wurden ignoriert — obwohl die Gemeinden die Betroffenen sind.
Was jetzt zu tun ist
Der Kok-Fluss ist ein Lehrstück über die Grenzen nationaler Umweltpolitik. Thailand kann seine eigenen Flüsse nicht allein sichern, solange der Verschmutzer auf fremdem Territorium operiert — und zwar auf einem, das de facto von einer Miliz regiert wird, die keinem internationalen Abkommen unterworfen ist. Der Druck muss auf China als Hauptprofiteur der Mineralien ausgeübt werden; Thai-Forscher und Aktivisten haben Briefe an Xi Jinping geschrieben. Diplomatisch hat das bisher nichts bewegt.
Für Expats und Langzeitbewohner im Norden Thailands ist die Lage konkret: Wer in der Region Chiang Rai oder Mae Ai wohnt, sollte Leitungswasser derzeit nur nach Rückfrage bei der lokalen Behörde trinken. Fisch aus dem Kok und seinen Zuflüssen sollte vorerst gemieden werden. Die PCD testet weiter — monatliche Ergebnisse werden auf der Website der Behörde veröffentlicht. Wer Grundstücke oder Felder nahe dem Kok bewirtschaftet, sollte Bewässerungswasser ebenfalls testen lassen; entsprechende Hinweise gibt das Provinzgesundheitsamt Chiang Rai.
Redaktionelle Hinweise
Dieser Beitrag enthält keine medizinischen Empfehlungen. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich an einen Arzt. Aktuelle Messergebnisse zur Wasserqualität veröffentlicht die thailändische Pollution Control Department (PCD) unter pcd.go.th.



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