Obdachlose Europäer: Wenn der Traum von Thailand auf dem Tempelboden endet

Mehr als zwei Jahre schlief ein Norweger in Tempeln bei Bangkok – auf der Suche nach Essen in Mülleimern. Sein Fall ist kein Einzelfall. Was passiert mit Ausländern, die in Thailand gestrandet sind – und wer hilft ihnen?

Obdachlose Europäer: Wenn der Traum von Thailand auf dem Tempelboden endet
Asean Now

Es war kurz nach sechs Uhr morgens, als ich neulich durch einen ruhigen Soi in Bangkok lief. Die Garküchen öffneten gerade, der erste Dampf stieg auf, ein Hund streckte sich vor einer Tempelmauer. Und dann sah ich ihn: einen Mann, eindeutig Europäer, grauer Bart, zerrissene Hose, zusammengerollt auf einem Stück Pappe. Er schlief. Vor ihm eine leere Plastikflasche.

Ich blieb stehen. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte – Mitleid, Hilflosigkeit, oder beides gleichzeitig. Wer früh morgens durch Bangkok oder Pattaya läuft, sieht das öfter, als man denkt. Obdachlose Ausländer in Thailand: ein Thema, über das kaum jemand spricht, das aber wächst. Einer von ihnen hat jetzt ein Gesicht bekommen.

Ein Foto am Pier – und dahinter steckt ein Mensch

Alles begann mit einem Bild auf Facebook. Auf der Seite „Khaosan-Khon Pak Kret“ postete jemand ein Foto eines schlafenden Ausländers am Pier von Pak Kret, einem Bezirk in Nonthaburi nördlich von Bangkok. Der Hinweis: Bitte jemanden schicken, der ihn weckt – er könnte ins Wasser fallen.

Das Foto löste mehr aus als erwartet. Eine Diskussion über Obdachlosigkeit, über die Uferpromenade, über das Stadtmotto von Pak Kret: „Pak Kret, eine lebenswerte Stadt.“ Journalisten machten sich auf die Suche. Sie folgten dem Flussufer, fragten bei Tempelangestellten nach, gingen von Wat zu Wat.

Gefunden am Straßenrand – mit Resten aus dem Mülleimer

Abends gegen 20 Uhr fanden die Reporter ihn schließlich beim Major-Einkaufszentrum Pak Kret. Er saß am Straßenrand. Kurzärmeliges Shirt, zerrissene Jeans, Flip-Flops. Ungepflegt, ein struppiger Bart. Er aß etwas, das er aus einem Mülleimer geholt hatte.

Sein Name: Odd Stian Hesseberg. 44 Jahre alt. Aus Norwegen.

Odd Stians Geschichte: Eine Reise, die nie enden sollte

Hesseberg reiste am 3. März 2023 mit einem 30-Tage-Touristenvisum nach Thailand ein – um eine Frau zu treffen, die er kannte. Sie lebte in Nakhon Sawan. Als er ankam, war sie nicht erreichbar. Bei der dortigen Einwanderungsbehörde verlängerte er sein Visum noch einmal um wenige Wochen. Dann lief es ab. Er blieb trotzdem.

Irgendwann, so erzählt er, wurde ihm eine Tasche gestohlen. Darin sein Pass. Darin alles. Ohne Papiere kann man nicht fliegen. Ohne Geld keine neuen Dokumente. Er reiste umher, landete schließlich in Nonthaburi – und blieb. Mehr als drei Jahre. Stand heute: 1.179 Tage Overstay.

Was Naruthep gesehen hat – und was der Abt tat

Naruthep, 45, Mitarbeiter des Wat Klang Kret, erzählte Journalisten, er habe den Norweger seit rund einem Jahr dort schlafen sehen. Vor einigen Monaten habe der Abt des Tempels aus eigener Tasche ein Taxi bezahlt – damit Hesseberg zur zuständigen Auslandsvertretung fahren konnte. Um Hilfe für die Heimreise zu beantragen.

Was dort genau passierte, ist nicht bekannt. Tatsache ist: Er kehrte zurück. Zurück in den Tempelpavillon. Zurück auf den Boden.

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Er ist kein Einzelfall – das ist das Erschreckende

Was mich an dieser Geschichte so bewegt, ist nicht nur das Schicksal eines einzelnen Mannes. Es ist das Wissen, dass Odd Stian kein Einzelfall ist. Thailand – dieses Land, das ich seit Jahrzehnten kenne und das meine Heimat geworden ist – hat stille Ecken, in denen Menschen verschwinden.

Die Bangkok Community Help Foundation, eine gemeinnützige Organisation, hat nach eigenen Angaben allein in einem Zeitraum von acht Monaten rund 45 obdachlose Ausländer betreut. Nur jene, die sich selbst meldeten oder von Stellen weitergeleitet wurden. Wie viele auf Tempelböden, unter Brücken, in verlassenen Gebäuden unsichtbar bleiben, weiß niemand.

Warum Thailand? Das Paradox des günstigen Paradieses

Thailand ist günstig, das Wetter ist warm, die Menschen sind freundlich. Man kann mit wenig Geld hier leben – oder glaubt das zumindest, bevor man kommt. Friso Poldervaart, Mitgründer der Bangkok Community Help Foundation, hat es auf den Punkt gebracht: Thailand sei beim Einreisen schlicht zu einfach.

Keine Pflicht zum Rückflugticket, keine Prüfung der Finanzmittel, kein Nachweis einer Krankenversicherung für Kurzzeitreisende. Viele kämen komplett unvorbereitet. Wenn dann etwas schiefläuft – ein Jobverlust, ein Beziehungsabbruch, ein Betrug – gerät man schnell in eine Falle. In der Heimat wäre vielleicht ein Sozialnetz da. In Thailand gibt es keines für Ausländer.

Wenn der Pass weg ist: Der Teufelskreis ohne Ausweg

Ohne Reisedokument darf man nicht ausreisen. Ohne Ausreise läuft das Visum ab. Wer mit abgelaufenem Visum erwischt wird, zahlt eine Strafe – und riskiert eine Einreisesperre. Wer das Geld dafür nicht hat, sitzt einfach fest.

Ohne Pass kein Bankkonto. Ohne Bankkonto kein Geld überweisen lassen. Ohne Geld keine Unterkunft, keine Krankenversorgung. Es gibt keinen Ausweg, den man alleine findet. Und keinen, der nichts kostet.

Tempel als letzte Zuflucht – eine alte Tradition

Es gibt Menschen, die helfen. Tempelgemeinschaften in Thailand haben eine lange Tradition darin, Bedürftige aufzunehmen – Thais wie Ausländer. Was Naruthep und der Abt des Wat Klang Kret für Odd Stian getan haben, ist kein Zufall. Tempel sind oft der letzte Ort, der noch offen ist, wenn alle anderen Türen geschlossen sind.

Wer hilft – NGOs, Kontaktstellen und konsularische Möglichkeiten

Neben den Tempeln gibt es Nichtregierungsorganisationen wie die Bangkok Community Help Foundation, die obdachlose Ausländer betreut, Heimreisen koordiniert und als Bindeglied zu Familien und Behörden im Herkunftsland arbeitet. Das ist mühsame Arbeit, oft über Monate, ohne staatliche Unterstützung.

Auch Konsulate und Botschaften können in echten Notsituationen eingeschaltet werden. Sie stellen unter Umständen Notreisedokumente aus, vermitteln Kontakt zur Familie oder helfen bei der Koordination einer Heimreise. Einen Anspruch auf ein Flugticket gibt es in der Regel nicht – aber ein erster Kontakt zur zuständigen Auslandsvertretung kann Wege öffnen, die man alleine nicht sieht. Wer in einer solchen Lage steckt, sollte diesen Schritt nicht scheuen.

Er kommt nach Hause – nach mehr als drei Jahren

Am 7. August 2026 nahmen Beamte der Einwanderungsbehörde Nonthaburi Hesseberg mit. Nicht um ihn zu verhören – um ihm zu helfen. Die Behörde hat die Abschiebung nach Norwegen eingeleitet und koordiniert die Heimreise in Abstimmung mit der zuständigen Auslandsvertretung. Zum ersten Mal seit über drei Jahren hat Odd Stian Hesseberg wieder einen Weg nach Hause.

Er bedankte sich – bei den Tempelangestellten, bei den Anwohnern, bei all jenen, die ihm in den vergangenen Jahren Essen gegeben, ihm Schutz geboten, ihn nicht weggeschickt haben. Er sagte, er freue sich. Endlich nach Hause.

Was ich mir wünsche, wenn ich durch die Straßen gehe

Wenn ich morgens durch Bangkok fahre und einen schlafenden Ausländer auf einer Tempeltreppe sehe, macht mich das still. Nicht weil es ungewöhnlich wäre – sondern weil es das nicht mehr ist. Ich frage mich dann: Was war das für ein Mensch, bevor er hier gelandet ist? Hatte er eine Familie? Einen Traum?

Odd Stian Hesseberg hatte einen. Er wollte eine Frau treffen. Er kommt jetzt nach Hause – nach mehr als drei Jahren auf Tempelböden, mit leerem Magen und vollem Herz voll Dankbarkeit für Menschen, die ihn nicht vergessen haben. Das gibt Hoffnung. Und es erinnert mich daran, wie viel ein kleines Zeichen der Menschlichkeit manchmal bedeuten kann.

Ich wünsche mir, dass wir als Ausländer in Thailand füreinander aufpassen. Nicht immer, nicht überall. Aber wenn jemand am Straßenrand sitzt und nicht mehr aufsteht, dass wir kurz innehalten. Fragen. Hinschauen. Vielleicht ist es nichts. Vielleicht ist es alles.

Anmerkung der Redaktion

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Die Geschichte von Odd Stian Hesseberg wurde am 6. August 2026 von thailändischen Medien berichtet; ein Follow-up von Khaosod vom 7. August 2026 bestätigte die eingeleitete Heimreise. Einreisedaten und Overstay-Dauer stammen aus offiziellen Angaben der Einwanderungsbehörde Nonthaburi. Angaben zu Diebstahl und Dokumentenverlust beruhen auf Hessebergs eigenen Aussagen gegenüber Journalisten und konnten nicht unabhängig verifiziert werden. Die genannten Zahlen zur Bangkok Community Help Foundation stammen aus einem Bericht der Nation Thailand vom Juni 2026.

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Ein Kommentar zu „Obdachlose Europäer: Wenn der Traum von Thailand auf dem Tempelboden endet

  1. Da lobe ich Europa,speziell Deutschland, da reist man bewusst zum stranden an und kann bis zum Lebensende , gut versorgt, den Bauch in die Sonne halten.

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