Die Familie Wongsa hat die Polizei um Hilfe gebeten. Vier Wochen lang. Ohne Ergebnis. Wichian Wongsa (53), seine Frau Chanthana Chatrin (50) und ihre Tochter Nichapa (18) waren am 6. Juli spurlos aus ihrem Haus in Huai Yai, Bang Lamung, verschwunden. Angehörige erstatteten am 7. Juli Anzeige bei der Polizeistation Huai Yai – derselben Station, die drei Wochen später mit Hochdruck nach Diana und Roman Nazimova suchte. Das ist keine Behauptung. Das ist die Akte.
„Ist sie bei einem Liebhaber?“
Die Schwester der getöteten Chanthana schilderte am 2. August gegenüber Thaiger, wie die Wochen nach der Anzeige verliefen: Sie fragte mehrfach nach dem Ermittlungsstand. Keine Antwort, kein Fortschritt. Als sie bei dem Beamten nachhakte, der die Anzeige aufgenommen hatte, stellte der eine einzige Frage zurück: ob die Vermisste wohl bei einem Liebhaber sei. Das war die Reaktion auf das Verschwinden dreier Menschen auf einmal. Alle Fahrzeuge standen noch vor dem Haus, kein Zeichen von Streit, keine fehlenden Wertsachen – und ein Polizist fragte nach dem Liebhaber.
In einem Convenience-Store in der Nähe sah sie später Aushänge, die nach Diana und Roman Nazimova suchten. Und sie fragte sich, warum ihre Schwester, ihr Schwager, ihre Nichte offenbar keinen solchen Aufwand wert waren. Die Antwort liegt auf der Hand, auch wenn sie niemand offiziell ausspricht: Die russischen Geschwister hatten eine Botschaft hinter sich. Die Familie Wongsa hatte nur ihre Verwandten.
6. Juli: Das Muster läuft zum ersten Mal ab
Was an jenem Abend in Huai Yai passierte, ist mittlerweile durch Geständnisse und forensische Befunde rekonstruiert. Vier Männer betraten das Haus der Familie Wongsa und gaben sich als Polizisten aus, die wegen Drogenvorwürfen kämen. Wichian wurde mit Handschellen gefesselt, Chanthana mit Seil an den Handgelenken. Als Nichapa von ihrer Schicht im Convenience-Store nach Hause kam, wurde sie ebenfalls festgehalten. Alle drei wurden in den eigenen Pickup-Truck der Familie geladen und auf eine Kokospalmenplantage gebracht.
Thong grub die Grube – fast zwei Stunden lang. Danach starben alle drei: Chanthana zuerst, dann Wichian, dann Nichapa. Die vier Täter fuhren den Pickup zurück, parkten ihn vor dem Haus der Opfer wie nichts gewesen war – und stahlen noch das Honda-Wave-Motorrad der Familie.
Als die Leichen Anfang August gefunden wurden, lagen alle drei in derselben Grube, knapp 1,5 Meter tief. Wichians Handschellen waren noch geschlossen. Das Seil saß noch an Chanthanas Handgelenken.
Zwanzig Tage, in denen die Täter frei waren
Zwischen dem Mord an der Familie Wongsa am 6. Juli und dem Verschwinden von Diana und Roman Nazimova am 26. Juli lagen genau zwanzig Tage. In dieser Zeit hätte die Polizeistation Huai Yai die Anzeige der Angehörigen ernst nehmen können. Hätte die Handynummern der Vermissten orten lassen können – ein Recht, das laut der Schwester nur der Polizei zusteht, nicht der Familie selbst. Hätte das Muster erkannt: drei Menschen weg, alle Besitztümer da, kein Streit, keine erklärbare Abwesenheit. So weit, so schlecht.
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Stattdessen saßen Pong und Thong drei Wochen lang unbehelligt in der Gegend. Als die russischen Geschwister am 26. Juli kurz nach vier Uhr morgens auf ihrem Motorrad unterwegs waren, warteten dieselben Männer auf eine neue Gelegenheit. Die Frage, die Thailand gerade beschäftigt – ob die Polizei bei Thai-Opfern anders reagiert als bei Ausländern – ist nicht rhetorisch. Sie hat eine konkrete Antwort, die man in Körpern messen kann.
Drogengerüchte: die Familie wehrt sich
Kurz nach Bekanntwerden der Identität der Thai-Opfer kursierten Berichte, Pong sei zu der Familie gegangen, weil diese Drogenschulden bei ihm gehabt habe. Die Schwester der getöteten Chanthana wies das am 2. August entschieden zurück: Keiner der drei Getöteten habe irgendetwas mit Drogen zu tun gehabt. Pong habe die Methode, sich als Polizist auszugeben und Drogenvorwürfe als Vorwand zu nutzen, offenbar routinemäßig eingesetzt. Die Familie sei ein zufälliges Opfer gewesen, kein vorbestrafter Schuldner. Die Verstorbenen könnten sich nicht mehr selbst verteidigen – das tue sie jetzt für sie.
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Die Institutionen, die auch vorher nicht funktionierten
Anfang 2026, Monate vor dem Fall Nazimova und Monate vor dem Mord an der Familie Wongsa, hatte die „Mirror Foundation“ (Krajok Ngao) – eine der bekanntesten zivilgesellschaftlichen Organisationen Thailands im Bereich Vermisstenfälle – offiziell beim Royal Thai Police Headquarters um ein Gespräch gebeten. Thema: das marode Vermisstenmeldesystem, der Umgang mit unidentifizierten Leichen, die Datenverwaltung. Der Termin wurde abgelehnt. Kein Treffen, keine Rückmeldung.
Das ist der Hintergrund, vor dem die Polizeistation Huai Yai im Juli 2026 die Anzeige der Familie Wongsa bearbeitete: ein System, das nicht reformiert werden wollte, mit Beamten, die eine familiäre Anzeige mit einer Gegenfrage nach Seitensprüngen abwimmelten. Und drei Leichen, die beweisen, was dabei herauskommt.
Aktivist stellt Polizeichef zur Rede
Gan Jompalang, ein in Thailand bekannter Aktivist, erschien am 2. August persönlich beim Polizeichef von Chonburi und brachte Angehörige der Wongsa-Familie mit. Seine Frage war eindeutig: Warum gibt es zwei Maßstäbe – einen für Ausländer, einen für Thais ohne internationale Lobby? Eine offizielle Antwort, die diese Frage beantwortet hätte, ist bislang nicht bekannt.
Was bekannt ist: Pol. Col. Warawut Nittayawan, Leiter der Polizeistation Huai Yai, empfing die Gruppe. Was aus diesem Gespräch folgt, bleibt abzuwarten. Die Ermittlungen gegen die vier Täter laufen, alle sitzen in Untersuchungshaft, Kaution wurde verweigert. Das ändert nichts daran, dass die Familie Wongsa einen Monat lang auf Ermittler wartete, die sich nicht meldeten.
Waren die Täter mit der Polizei verbunden? Chonburi antwortet
Parallel zu der Debatte über Zweiklassen-Ermittlungen kursierten in sozialen Medien und einigen Medien Behauptungen, die noch weiter gingen: Die vier Tatverdächtigen seien Söhne von Polizeibeamten, stünden in enger Verbindung zur Polizei oder hätten gar in deren Auftrag gehandelt. Die Provinzpolizei Chonburi reagierte am 2. August mit einer offiziellen schriftlichen Stellungnahme.
Das Ergebnis der internen Prüfung: In der Personaldatenbank, den Ermittlungsunterlagen und den vorliegenden Beweismitteln fanden sich keinerlei Belege dafür, dass einer der vier Verdächtigen ein Kind eines Polizeibeamten ist, enge Verbindungen zur Polizei unterhält oder auf Weisung von Beamten handelte. Die Ermittlungen liefen nach Beweislage und Rechtsgrundsätzen, ohne Begünstigung. Hinweise aus der Bevölkerung, die das Gegenteil belegen, nimmt die Behörde nach eigenen Angaben entgegen.

So völlig unverständlich die 5 Morde und die Motivation der Mörder auch waren. Jetzt ganz schnell mit Vorwürfen auf Basis von Vermutungen und Unterstellungen zu kommen, halte ich unangebracht und in der Sache auch nicht im geringsten hilfreich. Das einzige was man damit erreicht, dass sich die Polizisten in eine Ecke gedrängt fühlen und sich nun mit dem Rücken zu Wand mit allen möglichen verteidigen müssen. So jedenfalls wird die Aufklärung warum, was, wie und wann gemacht, bzw. nicht gemacht wurde nur erschweren. Jedenfalls werden so anti-ausländische Ressentiments nur gefördert.
Vielen Dank für Ihren Kommentar und das Feedback zu unserem Artikel.
Wir verstehen Ihren Einwand hinsichtlich der heiklen Situation für die ermittelnden Beamten. Wir möchten jedoch klarstellen, dass die im Artikel thematisierten Vorwürfe der Ungleichbehandlung nicht von unserer Redaktion konstruiert oder von Ausländern an die Behörden herangetragen wurden.
Die Kritik stammt direkt von den Betroffenen und thailändischen Akteuren vor Ort:
– Die Familie der Opfer: Die Schwester der getöteten Chanthana Wongsa schilderte öffentlich die fehlenden Fortschritte bei der Vermisstenanzeige sowie die unangebrachte Reaktion des aufnehmenden Beamten.
– Thailändische Aktivisten: Der thailändische Aktivist Gan Jompalang stellte den Polizeichef von Chonburi am 2. August persönlich zur Rede und warf den Behörden explizit vor, mit zweierlei Maß bei Ausländern und Einheimischen zu messen.
– Thailändische Organisationen: Die renommierte thailändische NGO „Mirror Foundation“ kritisierte bereits zuvor öffentlich das Vermisstenmeldesystem der Royal Thai Police.
Als Berichterstatter ist es unsere Aufgabe, diese Aussagen, die Aktenlage sowie die Stellungnahmen der Behörden (wie die offizielle Dementierung der Provinzpolizei Chonburi) transparent und faktenbasiert zusammenzufassen. Wir fördern damit keine Ressentiments, sondern bilden die aktuelle Debatte ab, die derzeit in Thailand selbst von Thais geführt wird.
Solche Aussagen wie von der Polizei „einen Liebhaber gehabt hat“ kennt man doch von den Thai Behörden🤔. Es würde mich nicht Überraschen wenn es noch weitere Leichen gibt. Wenn die Täter nicht gestanden hätten wo sie die Leichen begraben haben, suchten die heute noch!