Ich lebe seit mehr als dreißig Jahren in Thailand. Ich habe Baht-Krisen überlebt, Militärputsche, Covid, Überflutungen und mehr Regierungswechsel als ich noch zählen mag. Und trotzdem beobachte ich gerade etwas, das ich in dieser Form noch nicht kannte: Thailand verändert seinen Blick auf Ausländer. Nicht dramatisch, nicht über Nacht – aber wer genau hinschaut und ein wenig Erfahrung mit diesem Land hat, merkt es. Die Schraube dreht sich, leise und bestimmt.
Dreißig Millionen reichen nicht mehr
2019 kamen fast 40 Millionen Touristen nach Thailand – ein Rekord für Südostasien, auf den die Tourismusbehörde TAT mächtig stolz war. 2025 waren es 32,9 Millionen. Für 2026 rechnet die TAT mit 30 bis 34 Millionen. Wer jetzt denkt, das sei immer noch eine beeindruckende Zahl, hat nicht ganz Unrecht. Aber die Richtung stimmt nicht, und Bangkok weiß das.
Die Gründe sind vielfältig: der starke Baht, der Vietnamreisende nach Vietnam treibt und Malaysiatouristen nach Malaysia, dazu höhere Flugpreise, der Krieg in der Ukraine, die Lage im Nahen Osten. Die TAT hat bereits signalisiert, dass 2027 kein Jahr der Rekorde werden soll, sondern ein „Jahr der Transformation“ – weg von bloßen Ankunftszahlen, hin zu Besuchern, die länger bleiben und mehr ausgeben. Ein vernünftiger Plan, wenn man ihn auch umsetzt.
Als die Busse noch in Hunderten kamen
Charoon Youngprapakorn, Besitzer der Krokodilsfarm in Samut Prakan, erinnert sich noch gut daran, wie täglich 100 bis 200 Reisebusse auf seinem Parkplatz standen. Sein Vater gründete den Betrieb vor fast neunzig Jahren, Krokodilleder an Touristen verkaufen war das ursprüngliche Geschäftsmodell. Heute stehen dort noch ein paar Busse, und eine verblasste Tribüne erinnert an die goldenen Jahre der chinesischen Gruppenreisen.
Die großen Gruppen sind nach Covid nicht zurückgekehrt. Stattdessen kommen FITs – Free Independent Travellers, wie die Branche sagt. Einzelreisende, Paare, kleine Gruppen. Das ist nicht per se schlechter, aber es ist anders. Und es verlangt andere Infrastruktur, andere Angebote, ein anderes Denken. Ein TikTok-Video von einer Elefantenshow bei Charoon hat im August über eine Million Likes bekommen – und plötzlich kamen wieder Tausende. Das Internet gibt, das Internet nimmt.
Visa-Freiheit? War mal
2024 führte Thailand die 60-tägige visafreie Einreise ein, ein mutiges Signal an Reisende und Digitalnomaden weltweit. Inzwischen wurde diese Frist wieder halbiert. Wer das als Kleinigkeit abtut, unterschätzt die Wirkung: Für kurzentschlossene Reisende und für Menschen, die Thailand als Basis für längere Aufenthalte nutzen wollten, ist das eine echte Einschränkung. Die Botschaft dahinter ist deutlich – wer länger bleiben will, soll das auf geordnetem Weg tun.
Dazu kommt eine geplante Einreisegebühr von pauschal 450 Baht für alle ausländischen Besucher, die zur Finanzierung der Tourismus-Infrastruktur dienen soll. Noch ist das nicht beschlossen, aber es liegt auf dem Tisch. Für mich persönlich ist das keine Katastrophe – 450 Baht sind ein Kaffee und ein Mango-Sticky-Rice. Für den Massentourismus-Sektor ist es ein weiteres Signal, dass Thailand die Kosten und Nutzen des Fremdenverkehrs neu aushandelt.
Was auf Social Media landet, landet auch im Parlament
Thailand hat eine lebhafte Social-Media-Kultur, und in den letzten Jahren kursieren dort immer mehr Videos von Ausländern, die sich danebenbenehmen. Unbezahlte Rechnungen, Schlägereien, Sachbeschädigungen, öffentliche Sexhandlungen, Trunkenheit an Stränden, die für solche Auftritte nicht gebaut wurden. Jedes dieser Videos ist ein kleines Feuer – und zusammen ergeben sie einen Brand, der politische Konsequenzen hat.
Premierminister Anutin Charnvirakul hat schnellere Abschiebungen ausländischer Krimineller angeordnet und eine umfassendere Untersuchung von Nominee-Konstruktionen eingeleitet, mit denen ausländische Geschäftsbetreiber als scheinbar thai-geführte Unternehmen auftreten. Auch Außenminister Sihasak Phuangketkeow wurde öffentlich deutlich – gegenüber dem chinesischen Botschafter, nach einem viral gegangenen Zwischenfall am Bangkoker Flughafen. Thailand redet nicht mehr leise.
Das Mädchen im Koffer
Im Juni wurde der Australier Simon Peter Carman, 45, verhaftet. Er steht im Verdacht, ein junges Thai-Mädchen ermordet, ihre Leiche in einem Koffer verstaut und nahe Pattaya entsorgt zu haben. Der Fall schlug Wellen, auch weil er exemplarisch für eine Sorte von Verbrechen steht, die in Thailand nie hätte stattfinden dürfen – und die trotzdem immer wieder stattfindet.
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
Ich sage das ohne Alarmismus: Thailand ist ein sicheres Land. Aber es ist kein rechtsfreier Raum, auch wenn manche Besucher das offenbar glauben. Die Behörden reagieren, die Gesellschaft reagiert, und die Reaktion ist mittlerweile schärfer als noch vor zehn Jahren. Wer das nicht versteht, hat Thailand nicht verstanden.
Nominee-Firmen, Chachoengsao und ein israelischer Friedhof
Die Ermittler schauen sich derzeit nicht nur Einzelfälle an. Gefälschte Geburtsurkunden, die für umgerechnet weniger als fünfzehn Euro angeblich zu haben waren und Grundstückseigentum ermöglichen sollen – das ist organisierte Umgehung Thai-Rechts. Unter den Untersuchten: Staatsangehörige aus China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Russland. Und Israel.
Besondere Aufmerksamkeit gilt israelischen Staatsangehörigen, die auf den südlichen Inseln angeblich Nominee-Netzwerke betreiben – und einem illegalen Friedhof in der Provinz Chachoengsao. Anutin sagte am 17. September wörtlich: „Sie können nicht hierher kommen, unser Land nehmen und dann ihre Toten hier begraben.“ Die israelische Botschafterin erwiderte, Fehlverhalten sei kein israelisches Alleinstellungsmerkmal, und kündigte hebräischsprachige Aufklärungskampagnen über Thai-Gesetze an. Ich finde das vernünftig – auf beiden Seiten.
„Pragmatisch“ – das schönste Wort Thailands
Der Kommentator Voranai Vanijaka brachte es auf den Punkt: „Thai-Menschen sind pragmatisch. Wir mögen das Geld, das der Tourismus bringt. Aber wir sind auch sehr nationalistisch und mögen keine Touristen, die sich wie Narren aufführen.“ Das ist kein Widerspruch, das ist Thailand. Ich lebe hier lang genug, um das nicht nur zu verstehen, sondern zu teilen.
Das Land hat Jahrzehnte lang eine bemerkenswerte Balance gehalten: offen für Fremde, stolz auf die eigene Kultur, wirtschaftlich pragmatisch. Diese Balance verschiebt sich gerade ein wenig. Nicht weil Thailand fremdenfeindlich würde – das wäre absurd. Sondern weil die Geduld mit jenen abnimmt, die Gastfreundschaft mit Narrenfreiheit verwechseln.
Der Mann aus Hongkong und seine Pop-up-Idee
John Ho, in Hongkong geboren und seit Jahren in Chiang Mai ansässig, hat diesen Monat mit staatlicher Unterstützung das CosmoLocal CNX ins Leben gerufen – ein Pop-up-Dorf, das Digitalnomaden und Thai-Nachbarn durch Workshops, Gespräche und gemeinsame Mahlzeiten zusammenbringen soll. „Es ist besser, etwas Thailändisch zu lernen und die Gesetze rund um Arbeit und Business zu kennen“, sagt er.
Das klingt bescheiden, ist es aber nicht. Denn genau das fehlt vielen, die nach Thailand kommen: nicht Englisch sprechen zu können reicht nicht mehr, man braucht ein Grundverständnis dafür, wie dieses Land funktioniert. Wer Thai lernt – auch nur ein paar Sätze – wird anders behandelt. Das war schon immer so. Aber es wird gerade wichtiger.
Was bleibt, wenn der Baht stark ist
Ein starker Baht klingt nach gutem Wirtschaften. Für den Tourismus ist er Gift. Wer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommt und merkt, dass sein Euro in Vietnam oder Malaysia gerade mehr kauft als in Thailand, bucht eben um. Das ist keine Loyalitätsfrage, das ist Arithmetik. Die TAT hat das erkannt und setzt verstärkt auf zahlungskräftige Besucher, die ein bis zwei Wochen bleiben statt eine Woche Billigurlaub zu machen.
Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Die Hotelbuchungen in der aktuellen Nebensaison sind enttäuschend, die Hochsaison ab November lässt man auf sich zukommen. Für die Goldene Woche Anfang Oktober erwartet man 200.000 chinesische Besucher – der schwächere Baht hat das erleichtert. Thailand tanzt auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig, wie immer.
Thailand sortiert sich – und das ist sein gutes Recht
Ich sage das ohne Nostalgie und ohne Sorge: Was gerade passiert, ist kein Rückschritt. Thailand definiert neu, welche Art von Gästen es will, wie lange, zu welchen Bedingungen und mit welchem Respekt. Das ist das Recht eines souveränen Landes, und ich finde es eigentlich überfällig. Wer sich an Gesetze hält, eine korrekte Aufenthaltsgenehmigung hat und sich anständig verhält, hat hier nichts zu befürchten.
Charoon, der Mann mit der Krokodilsfarm in Samut Prakan, wartet derweil auf die nächste TikTok-Welle. Ein Video, eine Million Likes, Tausende Besucher – so funktioniert Thailand 2026. „Ich hoffe nur, dass sie weiter kommen“, sagt er. Ich auch, Charoon. Ich lebe hier, ich kenne dieses Land, und ich mache mir keine Sorgen. Thailand weiß, was es tut.
Redaktionelle Hinweise
Dieser Artikel gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder und stellt keine rechtliche oder behördliche Beratung dar. Angaben zu Visa-Regelungen und Einreisebestimmungen können sich kurzfristig ändern – bitte vor der Reise aktuelle Informationen bei der zuständigen thailändischen Botschaft oder Einwanderungsbehörde einholen.

Was in Thailand grade passiert, ist vielleicht kein Rückschritt. Wenn man das Gerede und die Visionen für die Zukunft allerdings hört, ist es eher ein Wiederspruch.
Auch ich mache mir nach 30 Jahren keine Sorgen, wobei ich den Satz „Thailand weiß, was es tut“ nicht unterschreiben würde.