BANGKOK – Thailands Kinder versinken in Bildschirmen. 93,1 Prozent der Thailänder sind online, im Schnitt fast acht Stunden täglich. Besonders alarmierend: 72,6 Prozent der Kinder bis zwei Jahre starren täglich mehr als eine Stunde auf Tablets und Smartphones. Jetzt zieht die Regierung die Reißleine. Vize-Premier Songsak Thongsri wies die Gesundheitsstiftung ThaiHealth an, Vorschläge für strengere Regeln zu erarbeiten.
72,6 Prozent der Kleinkinder über eine Stunde vor Bildschirmen
Die Thai Health Promotion Foundation (ThaiHealth) legte Zahlen vor, die viele Experten erschreckten. Thailandweit sind 93,1 Prozent der Menschen im Internet unterwegs, die durchschnittliche Online-Zeit liegt bei sieben Stunden und 54 Minuten pro Tag.
Noch drastischer zeigt sich das Problem bei den Jüngsten. 72,6 Prozent der Kinder im Alter von bis zu zwei Jahren verbringen mehr als 60 Minuten täglich vor Bildschirmen. Fachleute für kindliche Entwicklung sehen darin eine massive Bedrohung für das zukünftige Humankapital des Landes.
Lehrer berichten von kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und Sprachverzögerungen
Im ganzen Land schlagen Pädagogen Alarm. Kinder kämen mit deutlich kürzeren Aufmerksamkeitsspannen, schwächerer emotionaler Kontrolle und verzögerter Sprachentwicklung in die Schulen. Soziale Fähigkeiten ließen spürbar nach.
Danaya Wasuwat, Expertin beim Thai Media Fund, mahnte, Thailand habe die langfristige Bedeutung des Themas unterschätzt. „Wir haben nicht genug in den Schutz unseres zukünftigen Humankapitals investiert“, sagte sie. Schon im Kindergartenalter zeigten sich Entwicklungsrückstände.
Eltern drücken Handys in kleine Hände – aus Zeitmangel
Assistenzprofessor Weerachat Soopunyo von der Chulalongkorn-Universität sieht die Wurzeln des Problems oft zu Hause. „Wenn wir uns die Ursachen genau ansehen, brauchen kleine Kinder einfach Betreuung und Aufmerksamkeit“, erklärte er.
Viele Erwachsene gäben Mobiltelefone, weil sie selbst beschäftigt seien oder die Kinder ruhigstellen wollten. „Es mag im klinischen Sinne keine Sucht sein, aber es entwickelt sich zu einem Verhaltensmuster, das schwer zu ändern ist.“
Cybermobbing, Betrug und sexuelle Ausbeutung als tägliche Gefahr
Die Risiken beschränken sich nicht auf Entwicklungsverzögerungen. Danaya Wasuwat warnte vor einer wachsenden Flut von Online-Bedrohungen. Cybermobbing, sexuelle Ausbeutung, Betrug und illegale Glücksspielplattformen richteten sich gezielt an Minderjährige.
Zahlen der Cyber-Kriminalpolizei zeigen, dass jedes Jahr viele Kinder Opfer von Online-Betrug und Ausbeutung werden. Nur ein Bruchteil der Fälle wird aufgeklärt. Selbst Kinderschutz-Angebote wie YouTube Kids griffen oft nicht, weil Eltern die Funktion nicht aktivierten und Kinder auf ungeschützten Standard-Plattformen unterwegs blieben.
Australien verbietet Social Media unter 16 – Thailand prüft nach
International richtet sich der Blick auf Australien. Dort gilt bereits ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren. Unternehmen, die den Zugang Minderjähriger nicht stoppen, drohen Strafen von bis zu 49,5 Millionen Australischen Dollar – umgerechnet rund 1,13 Milliarden Baht.
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Pongthep Wongwatcharapaiboon, Manager von ThaiHealth, sagte, die Organisation untersuche solche Maßnahmen für Thailand. „Viele Länder haben solche Maßnahmen umgesetzt. Wir müssen sie studieren, bevor wir entscheiden, was für uns angemessen ist.“ Regulierung allein sei aber nur ein Teil der Lösung.
Memorandum soll Kinder besser schützen
ThaiHealth hat bereits ein Abkommen mit dem Ministerium für digitale Wirtschaft und Gesellschaft unterzeichnet. Vier Prioritäten stehen im Mittelpunkt: digitale Kompetenz stärken, Lehrmaterialien für Schulen entwickeln, gesundes Online-Verhalten durch öffentliche Kampagnen fördern und die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Firmen und Zivilgesellschaft ausbauen.
Pongthep betonte, dass man sich internationale Modelle genau ansehe, bevor Thailand eigene Gesetze formuliere. In der Zwischenzeit müsse die Aufklärung von Eltern und Pädagogen Vorrang haben.
Fehlende Spielplätze und Prüfungsdruck treiben Kinder an die Geräte
Außerordentlicher Professor Dr. Suriyadeo Tripathi, Direktor des Zentrums für moralische Entwicklung, sieht auch strukturelle Versäumnisse. Thailand fehlten Räume für außerschulische Aktivitäten, Parks und Gemeindebibliotheken seien oft vernachlässigt.
Gleichzeitig setze das Bildungssystem Kinder einem enormen Prüfungs- und Hausaufgabendruck aus, der oft über das Altersniveau hinausgehe. Er forderte lokale Verwaltungen – auch die von Bangkok – auf, sofort Alternativen zu schaffen. „Wir sollten nicht auf das Gesetz warten, das könnte länger als drei Jahre dauern. Dies könnte sofort mit geringeren Investitionskosten getan werden.“
Offener Brief an den Premier: Jetzt handeln
Suriyadeo Tripathi und verbündete Organisationen werden einen offenen Brief an Premierminister Anutin Charnvirakul übergeben. Darin fordern sie, das digitale Wohlbefinden von Kindern als nationale Priorität einzustufen – nicht nur als Wohlfahrtsfrage, sondern als wirtschaftliche Überlebensfrage für die künftige Arbeitskräftequalität.
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Wenn ich lese, Lehrer und Pädagogen schlagen Alarm wegen mangelnder Aufmerksamkeit oder emotionaler Kontrolle. Das liegt doch an der hier speziellen Unterrichtsform…zuhören und nachplappern, nur keine Fragen stellen und den Lehrer nicht stören. Das holen sich die Kinder dann in den ganzen Apps. Wobei, die viele Zeit, die Kinder am Handy verbringen, ist ja nun kein Thailand spezifisches Problem. Bei uns im Nachbarhaus ist auch eine jüngere Frau mit ihrer knapp 3-jährigen Tochter eingezogen. Die Kleine beherrscht das Handy schon besser als ich, ist mir unheimlich.
„Viele Erwachsene gäben Mobiltelefone, weil sie selbst beschäftigt seien oder die Kinder ruhigstellen wollten.“ In den weitaus meisten Fällen ist es wohl eher Bequemlichkeit der Eltern… 🙇♂️