Es gibt Sätze, die ein Land lieber von einem Fremden hört als aus dem eigenen Mund. „Kranker Mann Asiens“ ist so ein Satz. Diesmal kam er nicht von einem westlichen Besserwisser, sondern von einem thailändischen Chefökonomen. Dr. Yunyong Thaicharoen vom SCB Economic Intelligence Centre stellte die Energiewende als überfällige Reform vor und ließ dabei eine Diagnose fallen, die mancher Expat seit Jahren am Stammtisch ausspricht.
Für die Expats in Thailand ist das mehr als ferne Konjunkturprosa. Wer hier ein Haus gebaut, eine Rente investiert und sein restliches Leben geplant hat, lebt mitten in diesem Befund. Steigende Strompreise, ein Markt im Klammergriff der Staatsbetriebe, gute Pläne, die im Behördensumpf versickern: Das ist kein Wirtschaftsteil, das ist Alltag. Dieser Kommentar nimmt die Energiewende beim Wort und fragt, woran sie wirklich scheitert.
Die Diagnose, die niemand hören will
Thailand importiert Energie im Wert von fast zehn Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Zehn Prozent. Das ist keine Fußnote, das ist eine offene Flanke. Jeder Ölpreissprung am Golf, jede neue Spannung im Nahen Osten schlägt binnen Wochen auf Strompreise, Transportkosten und Supermarktregale durch. Ein Land, das so abhängig ist, regiert nicht seine Wirtschaft, es wird von fremden Märkten regiert.
Yunyong nennt die Reduktion dieser Abhängigkeit den entscheidenden Maßstab für Erfolg. Klingt vernünftig, ist es auch. Nur lebt die Vernunft in Thailand seit Jahren in Sonntagsreden, während der Alltag von Trägheit regiert wird. Das Wachstum wurde für dieses Jahr auf magere zwei Prozent gestutzt. Die Hightech-Branchen ziehen davon, die traditionelle Wirtschaft hängt hinterher. Genau in dieser Schere wächst der kranke Mann heran.
Das Dach voller Sonne, das Geld im Ausland
Die Sonne schickt in Thailand keine Rechnung, das stimmt. Aber die Solaranlage, die sie einfängt, kommt fast komplett aus China. Module, Speicher, Wechselrichter: importiert. Der Ökonom spricht von „Leakage“, von Kapital, das abfließt statt im Land zu kreisen. Wer hier sein Dach mit Paneelen pflastert, tut etwas Richtiges für seine Stromrechnung und subventioniert nebenbei eine Fabrik in der Provinz Jiangsu.
Für den einzelnen Hauseigentümer bleibt die Rechnung trotzdem attraktiv. Drei bis fünf Jahre Amortisation nennen die Fachleute, und seit März 2026 winkt ein Steuerabzug von bis zu 200.000 Baht. Wer ohnehin über ein Eigenheim in Thailand nachdenkt, sollte die Dachfläche von Anfang an mitplanen. Volkswirtschaftlich aber bleibt der Haken: Solange die Wertschöpfung im Ausland sitzt, ist jede Anlage ein halber Sieg.
Klare Regeln wären gratis und fehlen trotzdem
Jetzt kommt der Satz, an dem sich alles entscheidet. „Klare Politik ist vielleicht wichtiger als Geld selbst“, sagt Yunyong. Übersetzt: Thailand braucht keine weiteren Subventionstöpfe, es braucht endlich Regeln. Wer privat Strom erzeugt, müsste den Überschuss unkompliziert ins Netz verkaufen können. Genau das funktioniert bis heute nicht sauber, weil der Rahmen für Net Metering und den Netzzugang Dritter im Ungefähren hängt.
Das ist der eigentliche Skandal. Eine klare Vorschrift kostet den Staat keinen Baht, sie kostet ihn nur Mut. Der Markt liegt im Würgegriff der Staatsbetriebe, die Einspeisung wird zu Tarifen abgekauft, die unter dem Einkaufspreis liegen. Private Investoren stehen mit dem Scheckbuch bereit, doch niemand investiert in ein Spielfeld ohne Linien. Nicht zu viel Staat blockiert hier die Wende, sondern ein Staat, der sich vor der eigenen Entscheidung drückt.
400 Milliarden Baht und die Frage, wer sie je sieht
Die Regierung hat ein Konjunkturpaket über 400 Milliarden Baht aufgelegt, ein Teil davon soll in den grünen Umbau fließen. Die größeren Auszahlungen werden ab Ende dieses Jahres und bis 2027 erwartet. Auf dem Papier ist das eine stolze Summe, in der Praxis ein Versprechen mit Verfallsdatum. Geld, das erst fließt, wenn die nächste Regierung womöglich andere Prioritäten hat.
Industrie und Verkehr treiben den Wandel schon von selbst, mit Elektroautos und sparsameren Fabriken. Auch Banken drängen ins Geschäft, die SCB übertraf ihre eigenen Finanzierungsziele für grüne Projekte deutlich. Das Kapital ist da, der Wille der Wirtschaft ist da. Was fehlt, ist die Hand, die das Geld in Bahnen lenkt, statt es in Ankündigungen verdampfen zu lassen.
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Pläne hat dieses Land mehr als genug
An Visionen mangelt es Thailand nie. Roadmaps, Strategien, feierlich verkündete Ziele bis 2050: davon gibt es im Überfluss. Woran es mangelt, ist das stumpfe, undankbare Durchhalten. Yunyong benennt die Bremsen schonungslos: Korruption, Bürokratie, geringe Produktivität, fehlende Reformbereitschaft. Es sind die immergleichen vier Reiter, die jeden Aufbruch in diesem Land einholen.
Wer hier vor einem Immigration-Schalter gestanden hat, kennt das Muster im Kleinen. Eine Regel gilt heute so, morgen anders, je nach Beamtem und Laune. Im Großen heißt dasselbe Muster Reformstau. Jeder Regierungswechsel setzt die Uhr zurück, jedes Projekt beginnt bei null. Ein Land, das ständig von vorn anfängt, kommt nie an.
Was der Expat aus alldem mitnimmt
Für die deutschsprachigen Auswanderer ist die Lehre nüchtern: Verlassen Sie sich auf Ihre eigene Rechnung, nicht auf die große Wende. Die Solaranlage auf dem Dach rechnet sich, weil sie Ihre Stromrechnung senkt, nicht weil Bangkok plötzlich seine Hausaufgaben macht. Wer ohnehin viel Strom verbraucht, sollte handeln, solange der Steuervorteil gilt. Den Rest des Programms genießt man besser mit gesunder Skepsis.
Und doch wäre es zu billig, nur zu spotten. Der kranke Mann Asiens ist keine Schicksalsdiagnose, sondern eine Wahl. Thailand hat die Sonne, das Kapital, die klugen Köpfe. Was es braucht, ist der Mut, eine Linie zu ziehen und sie über den nächsten Wahltermin hinaus zu halten. Bis dahin gilt für jeden Einzelnen: Wer auf den Staat wartet, wartet im Dunkeln.



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