Franz Huber aus Wien wollte in Pattaya nur eines: entspannen. Sonne, Strand, ein kühles Chang-Bier – und vielleicht eine nette Bekanntschaft. Was er stattdessen bekam, war eine Mathematikaufgabe, für die selbst sein Taschenrechner keine Taste hat.
Der Mann, der dachte, er hätte eine Freundin – und nicht eine Aktie in einem Portfolio
Es begann harmlos. Som, Franz seine neue Bekanntschaft, zeigte ihm die besten Garküchen, erklärte den feinen Unterschied zwischen „ein bisschen scharf“ und „du wirst weinen“ – und lachte herzlich, wenn er versuchte, Thai zu sprechen. Franz war begeistert.
Dass er dabei nicht der einzige Begeisterte war, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Manchmal ist Unwissenheit tatsächlich das größte Glück – zumindest so lange, bis das Handy klingelt.
Die Cousins-Theorie: Wie Thailand plötzlich die größte Verwandtschaft der Welt bekam
Innerhalb einer Woche riefen vier verschiedene „Cousins“ an. Einer mit britischem Akzent, einer mit Schweizer Einschlag, einer klar aus Bayern. Franz murmelte: „Thailand ist halt ein großes Land“ – und schob das Thema beiseite wie ein Wiener seine leere Semmelscheibe.
Die Theorie hielt, weil Franz sie halten lassen wollte. Auch das ist eine Form von Lebensklugheit. Doch irgendwann hört selbst die hartnäckigste Selbsttäuschung auf zu funktionieren – meistens dann, wenn das Handy vibriert.
„Miss you, darling“ – eine Nachricht, die Franz zum Grübeln brachte
Im Restaurant erschien auf Soms Display ein Herz und die Worte: „Miss you, darling.“ Franz räusperte sich. Som lächelte. „Freund“, sagte sie. Franz nickte langsam – und begann im Kopf zu rechnen. Freund Nummer eins wäre er. Wer also war Nummer zwei?
An diesem Abend lernte Franz eine wichtige Lektion: Das Thai-Wort für „Freund“ ist semantisch wesentlich großzügiger als alles, was der Duden kennt. Was folgte, war eine philosophische Reise, die er so nicht gebucht hatte.
„Freund ist Freund“ – die Aussage, die einen Wiener fast zur Meditation trieb
„Bin ich dein Freund?“, fragte Franz. Som nickte begeistert. „Ja, du mein Freund!“ Erleichterung. Dann: „Aber du auch guter Freund.“ Die Gleichung wuchs. Was genau der Unterschied zwischen „Freund“ und „guter Freund“ war, blieb vorerst im Nebel der sprachlichen Interpretation.
Franz beschloss, dass er notfalls auch mit „guter Freund“ gut leben könnte. Was er noch nicht wusste: Die WhatsApp-Gruppe wartete bereits auf ihn.
„My Sweet Boys ❤️“: Die Gruppe, in der Franz seinen Platz fand – neben Mike, Hans und Pierre
Das Handy lag auf dem Tisch. Franz wollte nicht schauen. Wirklich nicht. Dann vibrierte es. Auf dem Display: „My Sweet Boys ❤️“ – mit vier Mitgliedern. Mike aus Großbritannien. Hans aus Deutschland. Pierre aus Frankreich. Franz aus Österreich. Ein kleines, multinationales Kollegium.
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Franz lehnte sich langsam zurück und starrte auf die vier Fähnchen. Er überlegte, ob das EU-Kommission oder Wohngemeinschaft war – und entschied sich für einen weiteren Schluck Bier, bevor er sprach.
Die Konfrontation: Franz fragt nach, Som antwortet – und beide meinen etwas anderes
„Warum bin ich in einer Gruppe namens ‚My Sweet Boys‘?“ Som schaute kurz aufs Handy. „Ah, das. Das Freunde.“ Franz blickte auf die vier Namen. „Wie viele Freunde hast du?“ – „Nicht so viele.“ Die Formulierung „nicht so viele“ hatte in diesem Moment eine bemerkenswerte Dehnbarkeit.
Es war kein Streit. Kein Drama. Nur zwei Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, was eine Zahl bedeutet. In Thailand ist das mitunter Kulturvermittlung in Echtzeit – manchmal auch einfach Humor.
Der erfahrene Deutsche in der Bar erklärt die Lage in einem einzigen Satz
Franz traf am nächsten Tag einen Deutschen an der Bar und fragte vorsichtig, ob eine Freundin in Thailand mehrere Freunde haben könne. Der Deutsche lachte so laut, dass fast sein Bier schwappte. Dann sagte er nur: „Mein Freund, du bist noch neu hier.“
Dieser Satz enthält mehr praktisches Wissen über das Leben in Pattaya als jeder Reiseführer. Franz trank sein Bier aus und beschloss, die Dinge neu zu ordnen – diesmal ohne Mathematik.
Die philosophische Phase: Franz denkt nach – und kommt zu einem erstaunlich ruhigen Ergebnis
Auf dem Balkon, Bier in der Hand, stellte sich Franz die entscheidende Frage: War er eigentlich unglücklich? Sie lachten viel. Das Essen war gut. Die Ausflüge schön. Gemessen daran war die Antwort: nein.
Dann kam die zweite Frage: „Wissen die anderen eigentlich auch voneinander?“ Franz nahm einen Schluck. „Vielleicht sitzen wir gerade alle gleichzeitig auf einem Balkon und rechnen.“ Ein tröstlicher Gedanke.
„Du bist mein Lieblingsfreund“ – eine Auszeichnung mit sehr spezifischen Bedingungen
Eines Tages kam Som zu Franz und sagte: „Du bist mein Lieblingsfreund.“ Franz blinzelte. „Und die anderen?“ – „Auch Freunde.“ Der Wiener lehnte sich zurück. Er war also Erster in einer Rangliste, deren Teilnehmerzahl er immer noch nicht ganz kannte.
Als Lieblingsfreund akzeptierte er den Titel mit stiller Würde. Schließlich hatte Wien auch schon Schlimmeres überlebt – etwa den Naschmarkt an einem Samstagnachmittag oder die Ringstraße im Berufsverkehr.
Der Wiener Pragmatismus siegt: In Wien teilt man ein Taxi – in Pattaya manchmal mehr
„In Wien teilt man höchstens ein Taxi“, sagte Franz eines Abends. Dann grinste er. „In Thailand teilt man offenbar auch eine Freundin.“ Som lachte laut. „Du lustig, Franz.“ Franz nickte. Und wer lustig ist, darf auch bleiben.
Irgendwo in Pattaya saßen zu diesem Zeitpunkt vermutlich drei weitere Männer auf einem Balkon, ein Bier in der Hand – und fragten sich ebenfalls, ob sie nun Freund Nummer eins, zwei, drei oder vier waren. Die Antwort darauf ist, wie so vieles in Thailand: situationsabhängig.



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