„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“
– Johann Wolfgang von Goethe
Manchmal beginnt eine Erfolgsgeschichte genau so.
Nachdem meine beiden Verträge bei einer deutschen Backmittelfirma ausgelaufen waren und eine Verlängerung nicht realistisch erschien, entstand eine neue Idee:
Warum nicht etwas Eigenes aufbauen? Gemeinsam mit meiner Frau beschlossen wir, in ihrer Heimatprovinz im Norden von Nan eine elegante Café-Konditorei zu eröffnen.
Bei unserem nächsten Besuch vor Ort besichtigten wir mehrere Gebäude und entschieden uns schließlich für eine vielversprechende Location – in der Nähe eines großen Freizeitparks mit ausreichend Parkplätzen und unweit des Nan-Flusses. Die Einigung mit dem Besitzer erfolgte schnell, und ein in Nan bekannter Architekt wurde mit der Planung und Umsetzung beauftragt.
Das Konzept war modern, durchdacht – und zunächst lief auch alles nach Plan. Das Fliesenleger-Team sollte sämtliche alten Fliesen entfernen und durch hochwertige neue ersetzen. Während ich für drei Tage beruflich in Bangkok war, nahm die Geschichte jedoch eine unerwartete Wendung: Bei meiner Rückkehr stellte ich fest, dass ein Teil der neuen, kostspieligen Fliesen kurzerhand auf die alten geklebt worden war.
Es folgten lebhafte Diskussionen – mit unterschiedlichen Auffassungen darüber, was „fachgerecht“ bedeutet. Um den Baufortschritt nicht zu gefährden, entschuldigte sich schließlich der Architekt beim Team, und ich investierte in zusätzliche Fliesen. Danach ging es – zumindest baulich – wieder voran.
Kurz vor Abschluss der Renovierung brachte eine Nachbarin jedoch eine Geschichte ans Licht: Vor über 50 Jahren sei ein Kind im Brunnen unter dem Gebäude ertrunken. In Thailand nimmt man solche Erzählungen ernst – sehr ernst. Es wurde ein Baustopp eingelegt, und schnell war klar: Der Geist des Kindes brauche „Luft“. Die Lösung bestand darin, eine etwa 12 Meter lange Leitung vom Brunnen bis zur Dachterrasse im 4. Stock zu verlegen und dort einen kleinen Geistertempel zu errichten.
Gesagt, getan: Frisch verlegte Böden wurden wieder aufgestemmt, ein Kunststoffrohr installiert, ein Tempel aufgebaut, kunstvoll bemalt und von einem Mönch eingeweiht. Danach – endlich – konnten die Arbeiten fortgesetzt werden.
Das Konzept nahm Gestalt an:
Im Erdgeschoss entstand die Café-Konditorei, im ersten Stock ein Ausstellungsraum für regionale Künstler, im zweiten Stock Büro und Verpackungslager. Die Möbel wurden geliefert, die Eröffnung rückte näher – es war bereits August, die Hochsaison stand vor der Tür.
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Doch wer glaubt, das sei das Ende der Überraschungen gewesen, kennt Thailand noch nicht ganz: Kurz vor der geplanten Eröffnung wurde eine Feng-Shui-Beraterin hinzugezogen. Ihre Analyse fiel deutlich aus – insbesondere die Position der Kasse sei ungünstig und würde „alle Gewinne davonfließen lassen“.
Es kam zu intensiven Diskussionen mit dem Architekten, ein neuer Plan wurde erstellt, Theke und Regale erneut umgebaut. Zwei weitere Wochen und zusätzliche Kosten später war das Projekt schließlich – im wahrsten Sinne des Wortes – im Einklang mit allen Kräften.
Nach insgesamt vier Monaten Umbau präsentierte sich die Café-Konditorei als echtes Schmuckstück. Regionale Künstler standen Schlange, um auszustellen, und der Laden war vom ersten Tag an hervorragend besucht – ein voller Erfolg, wenn auch zu fast doppelten Kosten im Vergleich zur ursprünglichen Planung.
Die Eröffnung fand im September statt. Doch bereits in der zweiten Oktoberwoche folgte die nächste, unerwartete Zäsur: Die Polizei erschien, stellte die Musik ab und bat alle Gäste hinaus – der hochverehrte König Rama IX. war verstorben. Es begann eine einjährige Staatstrauer: schwarze Kleidung, keine Musik, keine Veranstaltungen.
Nach all den Anstrengungen eine weitere Herausforderung – und gleichzeitig eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie sehr kulturelle Gegebenheiten den Geschäftsalltag prägen können.
Ich selbst nahm meine Tätigkeit als Berater im Backbereich wieder auf, während meine Frau das Café in Nan weiterführte.
Fazit:
Diese Geschichte ist nicht nur ein persönlicher Erfahrungsbericht, sondern auch ein kleiner Denkanstoß für alle, die mit dem Gedanken spielen, im Ausland zu investieren oder ein Unternehmen zu gründen.
Denn eines ist sicher:
In Thailand läuft vieles anders – aber genau das macht es am Ende oft auch besonders.
Und manchmal entstehen aus genau den Steinen im Weg die schönsten Projekte.




