Thailand führt die weltweite Untreue-Statistik an: 51 Prozent, verkündet eine Zahl, die seit Monaten von Bangkok bis Wien durch die Schlagzeilen wandert. Deutschland folgt mit 45 Prozent, Österreich mit 35, die Schweiz mit 25. Wer die Quelle dieser Rangliste sucht, landet nicht bei einem Forschungsinstitut, sondern beim Blog eines Onlinehändlers für Sexspielzeug. Das ist keine Nebensächlichkeit. Das ist der ganze Punkt.
Woher die 51 Prozent wirklich stammen
Die Zahl geht auf eine Auswertung des Bedbible Research Centre vom September 2022 zurück, nicht auf eine Studie von 2024. Ausgewertet wurden 1,9 Millionen Datenpunkte von 23.872 Befragten, mit Rückblick auf Entwicklungen seit 1960. Klingt gewaltig. Verteilt man 23.872 Personen auf rund fünfzig Länder, bleiben pro Land ein paar hundert Befragte übrig.
Was die Schlagzeilen als drei Quellen ausgeben, sind in Wahrheit drei Weiterverwerter derselben Erhebung. World Population Review und Insider Monkey forschen nicht, sie sammeln. Und selbst dort wird es schwammig: Die Originalquelle nennt für Thailand 56 Prozent, im Umlauf sind 51. Zwei Werte, ein Land, eine Datenbasis. Sauber ist anders.
Deutschland, Österreich und die Schweiz im selben Ranking
Nimmt man die Liste ernst, ergibt sich ein klares Bild. Thailand steht mit 51 Prozent an der Spitze, Dänemark folgt mit knapp 46, Italien und Deutschland liegen bei je 45 Prozent, Frankreich bei 43. Österreich taucht mit rund 35 Prozent im oberen Mittelfeld auf, die Schweiz mit rund 25 Prozent weit dahinter. Am unteren Ende stehen Slowenien mit elf und Uruguay mit zehn Prozent.
Deutsche und Schweizer Leser bekämen damit ein bequemes Ergebnis serviert: Thailand vorne, die Heimat weiter hinten, moralische Ordnung wiederhergestellt. Nur hält dieses Bild keiner Nachprüfung stand. Wer die nationalen Erhebungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz danebenlegt, sieht andere Werte. Teilweise sehr andere.
Was die nationalen Umfragen tatsächlich messen
ElitePartner befragte in Deutschland rund 5.600 Menschen bevölkerungsrepräsentativ. Ergebnis für 2020: 27 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen räumten einen Seitensprung ein. Bei den Frauen war der Wert 2012 noch bei 19 Prozent gelegen. Von den 45 Prozent aus dem Weltranking ist das rund zwanzig Punkte entfernt.
In Österreich befragte Marketagent im Auftrag von Parship zwischen dem 7. und 16. März 2022 tausend Personen zwischen 18 und 69 Jahren. Jeder Vierte gab an, schon einmal untreu gewesen zu sein, Männer und Frauen zu gleichen Teilen. Eine ältere Erhebung derselben Firma für Puls 4 kam dagegen auf 40 Prozent bei Männern und 31 bei Frauen. Gleiches Land, gleiches Institut, doppelter Wert.
Die Schweiz als Testfall für die Methode
Am deutlichsten wird das Problem bei den Eidgenossen. Im Weltranking liegt die Schweiz mit 25 Prozent im braven Mittelfeld. In einer YouGov-Erhebung gaben dagegen 28 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an, schon untreu gewesen zu sein, und der Bericht kürte sie damit zum untreuesten von zehn untersuchten Ländern.
Auftraggeber dieser zweiten Erhebung war Ashley Madison, eine Datingplattform für Vergebene. Ein Unternehmen, das vom Seitensprung lebt, misst den Seitensprung und findet erfreulich viel davon. Dasselbe Land landet also je nach Absender einmal ganz hinten und einmal ganz vorne. Wer bei solchen Zahlen von Weltmeisterschaft spricht, hat die Regeln nicht gelesen.
Zugeben ist nicht dasselbe wie fremdgehen
Untreue wird von keiner Behörde erfasst. Jede Zahl beruht auf Selbstauskunft, und Selbstauskunft misst vor allem eines: die Bereitschaft, etwas Schambehaftetes einzuräumen. Die Anthropologin Helen Fisher zeigte in einer international angelegten Arbeit, dass gesellschaftliche Tabus stark beeinflussen, ob Befragte ehrlich antworten. In offeneren Kulturen fällt das Zugeben leichter.
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
Dazu kommt der Definitionsstreit. Eine Parship-Umfrage von 2024 ergab, dass 85 Prozent eine längere Affäre als Untreue werten, aber nur 57 Prozent einen Kuss. Die bloße Anmeldung bei einer Dating-App gilt noch 63 Prozent als Fremdgehen, 2018 waren es 87 Prozent. Wer die Frage anders stellt, bekommt ein anderes Land auf Platz eins.
Mia Noi und was Sprachkenntnisse im Alltag verraten
Dass Thailand in solchen Ranglisten oben steht, ist trotzdem kein Zufall. Als Treiber gilt die Mia Noi, die Zweitfrau, ein über Generationen eingeübtes Arrangement, das bis 1935 sogar legal war. Wer etwas einräumt, das im eigenen Umfeld niemanden schockiert, tut sich leichter als jemand in Zürich oder Salzburg.
Für Auswanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit thailändischer Partnerin hat das eine praktische Seite. Wer die Gespräche im Familienkreis versteht, statt sich auf gefiltertes Englisch zu verlassen, beurteilt die eigene Beziehung realistischer als jede Prozentzahl es könnte. Thailändisch lernen ist an dieser Stelle nützlicher als Statistik.
Was von der Weltmeisterschaft übrig bleibt
Die ehrliche Antwort auf die Frage, wer häufiger fremdgeht, lautet: Das weiß niemand. Vergleichbar sind die Zahlen nicht, weil Definition, Stichprobe und Auftraggeber in jedem Land anders aussehen. Belastbar ist nur, dass in allen vier Ländern zwischen einem Viertel und der Hälfte der Befragten schon einmal untreu war.
Was bleibt, ist ein Ranking, das von Datingplattformen und Sexspielzeug-Händlern finanziert wurde und Redaktionen weltweit eine kostenlose Schlagzeile liefert. Thailand ist darin nicht Weltmeister im Fremdgehen. Thailand ist Weltmeister im Zugeben. Das ist etwas völlig anderes, aber es verkauft sich deutlich schlechter.
Anmerkung der Redaktion
Lesen Sie auch: Sicherheit Thailand: Warum sich viele hier sicherer fühlen als daheim
Sämtliche genannten Prozentwerte beruhen auf Selbstauskünften in Umfragen, nicht auf behördlichen Erhebungen. Die Bedbible-Auswertung von September 2022 legt weder Stichprobengrößen je Land noch die verwendete Definition von Untreue offen. Hinweis: Dieser Artikel enthält Links zu unseren Werbepartnern.


Nirgends wird soviel gelogen wie bei Angaben über Treue und Lohn
Und in Statistiken :-))