Ich sitze am Jomtien Nachtmarkt, es ist warm, der Geruch von gegrilltem Fleisch und Frucht-Smoties liegt in der Luft, und gegenüber leuchtet der neuer Bürgersteig direkt am Strand. Daneben ein Kinderspielplatz, bunt, groß, voller Kinder aus aller Welt. Ich könnte zufrieden sein. Bin ich nicht. Denn was ich sehe, macht mich seit Jahren wütend.
Jomtien, abends: Kinder spielen allein
Der Spielplatz ist voll. Kinder klettern, rutschen, schreien auf Englisch, Thai, Russisch und Deutsch durcheinander. Schön, könnte man sagen. Aber in den Ecken sitzen Gruppen von Kindern, die nicht spielen. Sie starren auf Smartphones. Fünf, sechs, sieben Jahre alt, die Köpfe nach unten, der Rücken rund, die Welt da draußen existiert für sie gerade nicht. Und die Mütter? Sie stehen am Rand. Nicht um zuzuschauen. Um zu scrollen.
Ich habe eine Weile beobachtet, wie lange es dauert, bis eine dieser Mütter einmal wirklich hinschaut. Nicht kurz, zwischen zwei Swipes. Wirklich hinschaut, auf ihr Kind. Manchmal dauerte es sehr lange. Manchmal schrien die Kinder, und die Mütter hoben kurz den Kopf, nickten, und bückten sich wieder ins Display. Das ist keine Anklage gegen Mütter allein. Das ist eine Anklage gegen uns alle.
Die Ampel, die sich vor uns schämt
Direkt vor dem Spielplatz, an der Kreuzung: eine Ampel mit Bodenbeleuchtung. Rote und grüne LED-Leuchten im Asphalt, damit auch derjenige, der den Blick nicht vom Display lösen kann, irgendwie mitbekommt, wann er die Straße überqueren darf. Die Ampeln gibt es in Pattaya schon eine Weile, an der Beach Road, an der Jomtien Beach Road. Eine technische Lösung für ein menschliches Versagen. Nicht mehr, nicht weniger. Wir bauen Infrastruktur für Menschen, die nicht in der Lage sind, zehn Sekunden aufzuschauen.
Das wäre schon ernüchternd genug. Aber das eigentliche Problem lauert einen Schritt dahinter: Die Bodenampel schützt nicht wirklich. Denn wer bei Grün losläuft, kann trotzdem von einem Motorradfahrer erfasst werden, der Rot ignoriert. Das tun sie. Regelmäßig. Ich habe es selbst erlebt. Die Bodenampel suggeriert Sicherheit für Menschen, die ihre Umgebung ohnehin nicht mehr wahrnehmen – und schafft damit eine neue Gefahrenkulisse, die niemand offen anspricht.
Thailand als Spiegel – nicht als Sonderfall
Wer jetzt denkt, das sei ein Thailand-Problem, hat zu lange mit gesenktem Kopf gereist. Was ich in Jomtien sehe, sehe ich in Wien, Frankfurt, Amsterdam, Sydney. Der Mensch mit dem Smartphone ist der neue Standardmensch, egal ob er im Isaan auf dem Markt steht oder am Münchner Marienplatz. Die Kasetsart-Universität in Bangkok hat eine 500 Meter lange Gehspur für Handynutzer eingerichtet, finanziert von Toyota Thailand. Damit Studenten, die beim Laufen scrollen, nicht zusammenstoßen. Statt das Verhalten zu ändern, bauen wir um es herum.
Deutschland, Österreich und die Schweiz haben Bodenampeln in Köln und Augsburg, Handyverbote an Schulen in Schleswig-Holstein, Hessen und Bayern. Studien, Debatten, Kommissionen. Was fehlt, ist der klare Schnitt. Keine Gesellschaft sagt offen, was gilt: Wir haben die Kontrolle abgegeben. Nicht dem Algorithmus. Wir selbst, freiwillig, täglich.
Generation Z? Falsche Klage, falscher Angeklagter
Ich mache nicht mit bei dem Spiel, die Jungen zu beschuldigen. Es ist das Lieblings-Ablenkungsmanöver der Älteren: Die Generation Z verdirbt alles. Stimmt nicht. Am Nachtmarkt in Jomtien sitzen genauso viele Männer über sechzig mit dem Smartphone am Tisch wie Zwanzigjährige. Beim Bier. Beim Gespräch, das keines mehr ist, weil einer von beiden nicht zuhört. Das Boomer-Bashing der Jungen ist genauso billig wie das Gen-Z-Bashing der Alten. Dasselbe Problem, unterschiedliche Apps.
Der Unterschied ist: Von den Jungen hat niemand anderes erwartet, dass sie es besser machen. Von den Erwachsenen, die Kinder großziehen, schon. Wer mit fünfzig am Spielplatz sitzt und scrollt, während das eigene Kind nach ihm ruft, hat nicht die Ausrede der Sozialisation. Er hat eine Wahl getroffen. Bewusst oder unbewusst – aber er hat sie getroffen. Und das Kind hat sie registriert, auch wenn es das nicht in Worte fassen kann.
Die Mutter, die ihr Kind nicht sieht
Es gibt eine Studie, die ich nicht vergessen kann. Fast 15.000 Kinder aus zehn Ländern wurden untersucht. Das Ergebnis: Elterliche Handynutzung vor den Kindern hat Effekte, die Wissenschaftler als „verheerend und dauerhaft“ beschreiben – veröffentlicht 2025, referenziert in der deutschen Presse. Kinder, deren Eltern ständig aufs Gerät schauen, entwickeln schwerer stabile emotionale Bindungen. Sie lernen früh, dass ein Bildschirm interessanter ist als sie.
Das ist kein Randthema für Erziehungsratgeber. Das ist eine zivilisatorische Zäsur. Wir produzieren die erste Generation von Kindern, die von Geburt an weiß: Ich muss um Aufmerksamkeit konkurrieren. Und mein Gegner ist ein Gerät, das immer gewinnt. Was das mit Selbstwertgefühl, mit sozialer Kompetenz, mit der Fähigkeit zu echtem Kontakt macht – das werden wir in zehn Jahren sehen. Oder in zwanzig. Aber wir werden es sehen.
Was ein Selfie über uns verrät
Ich habe nichts gegen Fotos. Ich mache selbst welche. Aber was am Jomtien Strand passiert, ist etwas anderes. Da stehen Menschen vor einem Sonnenuntergang und verbringen mehr Zeit damit, ihn zu fotografieren und zu filtern, als ihn zu sehen. Manche machen zwanzig Versuche. Manche filmen sich beim Fotografieren. Das Selfie als Ereignis, das den Moment verdrängt, den es festhalten soll. Guy Debord hätte seine Freude gehabt – die Gesellschaft des Spektakels, 1967 gedacht, heute mit Frontkamera perfektioniert.
Was das Selfie verrät: Wir glauben nur noch an etwas, wenn es dokumentiert ist. Ein Erlebnis, das nicht auf Instagram landet, hat irgendwie nicht stattgefunden. Das klingt nach Übertreibung. Es ist keine. Frag irgendjemanden unter dreißig, ob er ein schönes Abendessen ohne Foto genießen könnte, und schau, wie er zögert. Frag jemanden über fünfzig, wie oft er seinen letzten Urlaub wirklich gesehen hat – oder ob er ihn hauptsächlich durch ein Display gesehen hat, das er für ihn festgehalten hat.
Smombie als Exportartikel
Das Wort „Smombie“ – Smartphone-Zombie – tauchte 2015 in Deutschland auf und wurde zum Jugendwort des Jahres. Lustig, damals. Heute ist es eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wer durch Bangkok, Pattaya oder Phuket läuft, sieht sie überall: Menschen, die gehen und nicht da sind. Sie weichen aus, ohne aufzuschauen. Sie stoppen mitten auf dem Bürgersteig, ohne es zu merken. Sie überqueren Straßen, weil andere auch gehen. Jeder sechste Fußgänger ist laut Erhebungen vom Smartphone abgelenkt. Jeder sechste.
Thailand exportiert damit eine Philosophie: Der Mensch, der nicht aufschauen kann oder will, hat Anspruch auf Infrastruktur, die ihn schützt. Ich halte das für grundfalsch. Wer beim Überqueren einer Straße nicht aufschaut, delegiert Verantwortung für sich selbst an den Staat, die Stadtplanung, an Toyota-gesponserte Uni-Projekte. Das ist keine Freiheit. Das ist ihr Gegenteil.
Der schiefe Hals als Körperzeugnis unserer Zeit
In orthopädischen Praxen kursiert ein Begriff: „Text Neck“. Der vorgeneigte Kopf beim Smartphone-Blick erzeugt auf die Halswirbelsäule einen Druck, der je nach Winkel dem Gewicht von bis zu 27 Kilogramm entspricht. Täglich, stundenlang. Die OECD hat 2025 erhoben, dass 15-Jährige in Deutschland fast sieben Stunden täglich vor Bildschirmen verbringen. Sieben Stunden, in denen die Halswirbelsäule eines wachsenden Menschen unter Last steht, für die sie nicht gemacht wurde.
Wir werden eine Generation mit chronischen Nackenproblemen, Kurzsichtigkeit und abgeflachten Bandscheiben groß ziehen, das ist keine Prognose mehr, das ist eine laufende Beobachtung. Kinderärzte schlagen Alarm. Orthopäden schlagen Alarm. Augenärzte schlagen Alarm. Jedes fünfte Grundschulkind in Deutschland ist bereits kurzsichtig, der Trend steigt. Und die Gesellschaft debattiert darüber, ob man das Handy vielleicht ein bisschen weniger nutzen sollte. Ein bisschen. Nicht zu viel verlangen.
Was ich nicht mehr tue – und warum
Ich habe aufgehört, die Leute anzusprechen. Nicht weil es falsch wäre. Sondern weil es nichts bringt. Wer im Restaurant seinem Gegenüber rät, das Handy wegzulegen, ist innerhalb von dreißig Sekunden der Spielverderber. Wer einer Mutter am Spielplatz sagt, ihr Kind rufe, bekommt einen Blick, als hätte er etwas Ungeheuerliches getan. Die soziale Kalibrierung hat sich verschoben. Das Handy ist sakrosankt. Wer es in Frage stellt, greift eine Intimsphäre an, die wichtiger geworden ist als der echte Raum um uns herum.
Ich lege mein eigenes Gerät weg, wenn ich mit jemandem esse. Ich fotografiere nicht jeden Teller. Ich lasse Sonnenuntergänge manchmal einfach stattfinden, ohne sie festzuhalten. Das klingt banal. Das ist es nicht. Denn der soziale Druck, immer verfügbar, immer dokumentierend, immer online zu sein, ist real – und er kommt nicht von oben, er kommt von uns selbst. Wir haben ihn erschaffen, kollektiv, und wir könnten ihn auch wieder auflösen. Theoretisch. Die Frage ist, ob wir es wollen.
Widerstand ist möglich. Aber er kostet etwas
Einige Länder beginnen zu reagieren. Australien hat ein Social-Media-Verbot für Kinder unter sechzehn. Mehrere deutsche Bundesländer verbieten Handys an Schulen. In Pattaya gibt es Bodenampeln – kein Durchbruch, aber ein Eingeständnis, dass etwas nicht stimmt. Aber all diese Maßnahmen umgehen das Verhalten, statt es zu verändern. Sie sind Dämme gegen eine Strömung, die wir selbst angetrieben haben.
Was wirklich helfen würde, können Regierungen nicht verordnen: Es ist eine Entscheidung, die jeder selbst treffen muss. Aufzuschauen. Das Kind anzusehen, das ruft. Den Experten zu glauben, die seit Jahren warnen, dass wir eine Generation formen, der Aufmerksamkeit nicht mehr selbstverständlich ist. Diese Entscheidung kostet nichts außer einem eingespielten Reflex. Sie verlangt nur, in Momenten der Langeweile einfach da zu sein. Das ist kein Aufruf zur Askese. Das ist der niedrigste mögliche Anspruch an uns selbst. Und wir schaffen ihn kaum.

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