Irgendwann im zweiten Monat – ich weiß nicht mehr genau wann, die Tage verlaufen hier ja gerne ineinander – bemerkte ich, dass der Mann am Eckplatz des kleinen Cafés auf Soi 5 mich anlächelte, bevor ich überhaupt die Tür aufgemacht hatte. Kein großes Lächeln, eher ein knappes Nicken. Aber er kannte mein Gesicht. Und ich kannte seines. Ob das Freundschaft ist, weiß ich nicht. Aber es war der Anfang von etwas.
Ankommen ohne Drehbuch
Ich war nicht der erste, der nach Jomtien gezogen ist, ohne einen Plan zu haben. Kim Waddoup hat das 2020 aufgeschrieben – wie man sich durch Spaziergänge orientiert, wie aus Cafés Stammcafés werden, wie man langsam sesshaft wird, ohne es richtig zu merken. Ich habe das damals gelesen und gedacht: Ja, genau so. Mein erster Monat hier verlief ähnlich – und doch völlig anders, weil jeder seine eigene Version davon erlebt.
Meine Version begann mit langen Strandspaziergängen Richtung Dongtan. Morgens, wenn die Hitze noch nicht auf den Asphalt drückt und die Thais ihre morgendliche Runde drehen. Man nickt sich zu, tritt beiseite, nickt nochmal. Kein Wort, keine Verpflichtung. Nur die stille Übereinkunft, dass man denselben Streifen Promenade für sich beansprucht – und das geht eben auch zu zweit.
Die Topographie der Gewohnheit
Jomtien ist kein Ort, den man auf einen Blick versteht. Man muss ihn ablaufen. Die Thappraya Road, auf der gefühlt alle leben, die nicht wissen, wo sie sonst wohnen sollen. Soi 5 mit ihren halboffenen Restaurants, wo abends Gitarre gespielt wird – nicht gut, aber gutmütig. Der Foodmart, der um Mitternacht noch offen hat, falls man vergessen hat, Kaffeepulver zu kaufen, was mir in den ersten Wochen dreimal passiert ist.
Dann gibt es noch Dongtan Beach, den ich lieber mag als den Hauptstrand – breiter, ruhiger, weniger Jetski-Lärm. An der kleinen Promenade davor hat sich in den letzten Jahren eine Art stiller Abendkultur entwickelt: Rentner, Paare, ein paar Thais mit Picknickkörben. Niemand will hier Eindruck machen. Das ist erholsam.
Stammcafé als Einwanderungsbehörde
Das erste, was ich gelernt habe: Man braucht ein Stammlokal. Nicht weil der Kaffee besonders gut wäre – selten ist er das – sondern weil Verlässlichkeit hier Sozialkapital ist. Wenn man jeden Morgen denselben Platz belegt, dieselbe Bestellung aufgibt und pünktlich erscheint, wird man irgendwann Teil des Inventars. Und Inventar kennt man.
Mir hat ein kleines Thai-Café auf der Parallelstraße zum Strand diese Aufgabe übernommen. Die Besitzerin, eine Frau Mitte vierzig mit einer Vorliebe für lakonische Kommentare, begrüßt mich seit Monat drei mit „Same same?“ – was meine Bestellung bedeutet, aber irgendwie auch meine gesamte Existenz in Jomtien zusammenfasst. Same same. Ja, ungefähr.
Der Expat-Club und warum ich trotzdem gegangen bin
Waddoup hat den Pattaya Expats Club besucht und ihn nützlich, aber nicht wirklich gemütlich gefunden. Ich kenne das Gefühl. Ich war zweimal dort – ordentliche Veranstaltung, vernünftige Leute, ein Anwalt, ein Versicherungsmensch, ein Krankenhausvertreter. Man bekommt Informationen, die man braucht. Aber man trifft nicht die Leute, mit denen man abends noch auf ein Bier bleibt.
Trotzdem: Der Mitgliedsbeitrag von 500 Baht hat sich gelohnt, allein wegen der Kontakte zu verlässlichen Ärzten und einem Versicherungsangebot, das mir einige hundert Euro gespart hat. Man muss nicht alles romantisieren. Manchmal ist ein Verein einfach ein Verein – und das ist auch in Ordnung.
Wie Bekannte keine Fremden mehr sind
Der Übergang von „Gesicht, das ich kenne“ zu „Person, mit der ich rede“ ist langsamer, als man denkt – und schneller, als man fürchtet. Ein Kommentar über den Regen reicht meistens. Oder eine gemeinsame Beschwerde über den Songthäw-Fahrer, der einfach nicht anhalten wollte. Gemeinsame Erfahrungen brauchen kein gemeinsames Vorwissen.
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Inzwischen kenne ich einen pensionierten Ingenieur aus Norddeutschland, der jeden Dienstag schwimmen geht und dabei so konsequent Freischwimmer-Bahnen zieht, als wäre die Südostsee ein Hallenbad in Flensburg. Einen Briten, der behauptet, hier zu malen, aber meistens liest. Eine Schweizerin, die mir erklärt hat, warum Jomtien besser ist als Phuket – überzeugend, wenn auch nicht ganz objektiv. Diese Menschen sind keine Freunde im europäischen Sinne. Aber sie sind auch keine Fremden mehr.
Sprache als Geste
Mein Thailändisch ist, gelinde gesagt, ausbaufähig. Ich sage „Khop khun khrap“ am Ende jeder Interaktion, bestelle mit Zeigefinger und Lächeln, und habe gelernt, dass „Mai pen rai“ – macht nichts – die nützlichste Vokabel des ganzen Landes ist. Mehr braucht man im täglichen Umgang mit dem Markt, dem Café, dem Nachbarn nicht unbedingt. Aber man merkt den Unterschied, wenn man ein bisschen mehr weiß.
Wer ernsthaft hier leben will – und damit meine ich nicht drei Monate, sondern Jahre – kommt irgendwann nicht darum herum, zumindest Grundbegriffe der thailändischen Sprache zu lernen. Nicht für die Ämter, die meistens jemanden mit Englisch bereitstellen. Sondern für die Momente, in denen man einfach nur nett sein will und nicht durch Gestik kommunizieren möchte. Der Weg zu einem echten Gespräch beginnt mit ein paar Wörtern.
Gruppen für alles – außer fürs Nichtstun
Es gibt in Jomtien und Pattaya Interessengruppen für nahezu jeden Lebensbereich: Classic-Car-Treffen, Salsa-Abende, Laufgruppen, Vogelbeobachter, sogar einen Thai-Koch-Kurs, der erstaunlich ernst genommen wird. Ich habe mich für keine davon angemeldet – aber ich weiß, dass sie existieren, und das ist schon ein gutes Zeichen. Wer ein gemeinsames Thema sucht, findet es hier schneller als einen Parkplatz.
Was mir aufgefallen ist: Diese Gruppen funktionieren besser als der formelle Expat-Club, weil das verbindende Interesse größer ist als die gemeinsame Nationalität. Ein Deutscher und ein Australier, die beide alte Citroëns lieben, kommen schneller ins Gespräch als zwei Deutsche, die zufällig denselben Rentenbescheid bekommen haben. Das sagt etwas über Menschen aus, nicht über Expats.
Der Songthäw und andere tägliche Beziehungen
Man unterschätzt, wie viel soziales Leben in den kleinen Wiederholungen steckt. Der Songthäw-Fahrer, der mich auf der Beach Road kennt und anhält, bevor ich die Hand hebe. Der 7-Eleven-Mann, der meine Kaffeemarke schon rauslegt. Der Motorradtaxifahrer am Ende von Soi 5, der mich auf Englisch nach dem Wetter fragt – und zwar jeden Tag, obwohl das Wetter in Jomtien ungefähr immer gleich ist. Das sind keine Freundschaften. Aber es sind Verbindungen.
Irgendwann merkt man, dass diese kleinen Verbindungen das eigentliche Netz bilden, in dem man lebt. Nicht die großen Abende, nicht die Clubmitgliedschaft, nicht der Bekannte, dem man auf Facebook folgt. Sondern der stille Alltag, der sich wiederholt – und dabei irgendwann vertraut wird. Das ist Jomtien. Langsam, aber es hält.
Jomtien baut sich neu – und merkt es kaum
Wer Jomtien aus früheren Jahren kennt, reibt sich die Augen. Der Strand ist merklich breiter geworden – aufgespülter Sand schiebt die Wasserlinie weit nach vorne. Die Promenade wurde komplett erneuert: neuer Bürgersteig, LED-Lampen in gleichmäßigen Abständen, abends leuchtet die ganze Front wie eine anständige Küstenstadt. Unter der Erde: ein riesiges Abwasserrohr, monatelang gebaut, jetzt unsichtbar – und der Gestank im Regenwasser auch.
Einzig der Angry Birds Play Park direkt gegenüber dem Nachtmarkt bleibt das schiefe Element in diesem Aufbruch. Der eingezäunte Spielplatz mit seinem bunten Angry-Birds-Thema zieht jeden Abend Kinder an – Thai und Ausländer bunt durcheinander, laut und unbekümmert. Teilweise wurde zuletzt repariert, doch Besucher berichten weiterhin von altersschwachen Geräten. Eine konsequente Renovierung wäre überfällig, schon weil der Park ein echter Treffpunkt geworden ist – für Familien, die nach dem Marktbummel noch kurz halt machen.
Märkte für jeden Abend
Der Jomtien Nachtmarkt ist kein Bummelmarkt – man geht dorthin, um zu essen. Pad Thai, indisches Curry, Pizza, Döner, Kebab, russische Spezialitäten, polnische Würste – die Welt brät hier nebeneinander. Man kauft, setzt sich hin und isst vor Ort. Irgendwo spielt Musik, auf einer kleinen Bühne tanzen Kinder. Die beleuchtete Windmühle an der Ecke leuchtet dazu. Laut und gemütlich zugleich.
Wer mehr will, fährt freitags bis sonntags zum Thepprasit Night Market – 500 Stände, BBQ-Seafood, volle Gassen ab acht Uhr abends, der größte der Region. Und dann ist da noch der Rompho Market auf der Jomtien Second Road: tagsüber Nass- und Trockenmarkt für die Thai-Nachbarschaft, abends an derselben Stelle ein entspannter Abendmarkt mit Essenständen, Plastikhockern und Bier aus dem Kühler. Kein Touristenmarkt. Genau das Richtige.
Das Brot und der ganze Rest
Was sich beim täglichen Einkauf verändert hat: Früher gab es den Foodmart und ein paar 7-Eleven. Heute sprießen Lotus Express, Mini Big C und bald auch CJ aus dem Boden, als hätten sie alle gleichzeitig entdeckt, dass Jomtien wächst. Gut für die Versorgung. Etwas eintönig für die Seele.
Mein Gegenmittel: die Backfabrik, die tatsächlich frisches Brot backt – kein aufgetautes, kein eingeschweißtes, sondern Brot, das nach Brot schmeckt. Und die neuen Tops-Supermärkte, die ebenfalls wie Pilze aus dem Boden kommen und erfreulich gut sortiert sind. Es gibt Tage, an denen man kein Café-Nicken braucht. Ein gutes Brot reicht vollkommen.
Was ein Jahr bewirkt
Nach zwölf Monaten kenne ich meine Supermärkte auswendig, weiß, wann der Markt auf der Theppraya Road aufbaut, und habe eine feste Meinung darüber, welche Massage-Salons auf Soi 5 tatsächlich gut sind – und welche nur gut klingen. Das ist mehr, als ich nach drei Monaten für möglich gehalten hätte.
Aus fremden Gesichtern sind Bekannte geworden. Aus Bekannten vielleicht irgendwann Freunde – das braucht hier einfach länger, weil alle ein bisschen beschäftigt sind mit ihrem eigenen Ankommen. Das Café-Nicken ist geblieben. Und ehrlich gesagt reicht mir das gerade noch.
Redaktionelle Hinweise
Dieser Artikel schildert persönliche Erfahrungen und Eindrücke des Autors aus seinem ersten Jahr in Jomtien. Alle genannten Lokale, Clubs und Angebote entsprechen dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Öffnungszeiten, Preise und Mitgliedsbeiträge können sich ändern.
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