Ich bin auf dem Heimweg, Highway zwischen Khon Kaen und Udon Thani, als mir auf dem Seitenstreifen ein Motorbike entgegenkommt – was es nicht dürfte. Gleichzeitig schiebt sich ein Auto vom U-Turn auf meine Fahrspur und kommt mir ebenfalls entgegen. Zwei Fahrzeuge, beide falsch, beide auf mich zu. Ich bremse, alle drei kommen irgendwie durch, keiner hält an, keiner dreht sich um. „Mai pen rai.“ Nach mehr als dreißig Jahren in Thailand weiß ich: Das ist keine Gleichgültigkeit. Das ist eine Weltanschauung.
Die Kunst des spontanen U-Turns
Auf dem thailändischen Highway trennt ein Grünstreifen die beiden Fahrtrichtungen – wer auf die andere Seite will, hat alle paar Kilometer einen U-Turn-Durchlass. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. Das Problem ist nicht der U-Turn selbst, sondern wie er benutzt wird: ohne Blinker, ohne Schulterblick, ohne auch nur einen Gedanken daran, was auf der Gegenseite gerade angerollt kommt. Man biegt ab. Die anderen bremsen. So funktioniert das.
Ich habe inzwischen gelernt, bei jedem U-Turn-Schild einen Gang runterzuschalten – nicht weil die Straße es verlangt, sondern weil man nie weiß, wer gerade von der anderen Seite durchkommt und wie viel Platz er sich dabei nimmt. Auf den Dashcam-Videos sieht das immer gleich aus: Der Abbiegende erscheint im Bild, die Gegenfahrspur reagiert, irgendwie geht es gut. Bis es das einmal nicht tut.
Bitte links, bitte rechts, bitte gar nicht
Links der Seitenstreifen, rechts die Überholspur – und dazwischen passiert alles, was eigentlich nicht passieren sollte. Auf dem Seitenstreifen bewegen sich Motorbikes in beide Richtungen, Fahrräder, Fußgänger, gelegentlich ein Auto, dem die Fahrspur zu langweilig geworden ist. Offiziell haben die meisten davon dort nichts zu suchen. Praktisch ist es Thailand.
Was mich nach all den Jahren noch immer fasziniert, ist nicht die Kreativität der Verkehrsteilnehmer – die ist unbestreitbar vorhanden. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der das alles abläuft. Kein Hupen, kein Schimpfen, kein großes Drama. Man weicht aus, man fährt weiter, und irgendwie kommt der Großteil der Beteiligten ans Ziel. Mai pen rai eben.
Der Pickup als rollende Umzugsfirma
Thailand liebt den Pickup-Truck. Der Isuzu D-Max, der Toyota Hilux, der Mitsubishi Triton – sie sind das Arbeitstier der Nation, ordentlich beladen, ordentlich gesichert, meistens jedenfalls. Und dann gibt es die anderen. Kühlschränke ohne Befestigung, Reissäcke bis zur Oberkante, Baumaterial das nach hinten ragt, und obendrauf zwei Cousins auf Plastikhockern, die sich an nichts festhalten außer aneinander.
Ich erinnere mich an einen Pickup auf einer Landstraße, der vor mir fuhr mit einem Haufen Stahlträger, deren hinteres Ende locker anderthalb Meter über die Heckkante hinausragte – ohne Warndreieck, ohne rotes Tuch, ohne irgendein Zeichen des Bewusstseins, dass das ein Problem sein könnte. Er bog fröhlich ab. Ich atmete durch. Das Kuriose an Thailand ist nicht, dass so etwas passiert. Das Kuriose ist, dass man irgendwann aufhört, sich darüber aufzuregen.
Das rollende Kohlekraftwerk
Es gibt Pickup-Trucks in Thailand, die man riecht, bevor man sie sieht – und deren schwarze Abgasfahne noch lange nach ihnen in der Luft hängt. Alte Diesel-Motoren, die seit Jahren nicht mehr zur Inspektion waren, qualmen so, als wollten sie einen ganzen Weiler einräuchern. Und dann gibt es die getunten Varianten: Chip-Tuning, aufgedrehte Einspritzanlage, und der Pickup heult auf wie ein Traktor auf Aufputschmitteln, hinterlässt eine Rußwolke die jeden Hintermann in die Bremsen zwingt.
Das verstehe ich sogar irgendwie – ein alter Diesel läuft eben, solange er läuft. Was ich weniger verstehe: dass die Behörden seit Jahren damit beschäftigt sind, E-Zigaretten zu konfiszieren, während diese rollenden Schornsteine unbehelligt durchs Land tuckern. Prioritäten sind eben Prioritäten.
Fahren auf Sicht – der Spiegel als Dekoration
Der Außenspiegel erfüllt am Thai-Motorbike eine rein ästhetische Funktion. Er hängt dort, oft leicht verdreht, manchmal nur noch an einem Bolzen, und stellt sicher, dass das Fahrzeug auf dem Papier vollständig ist. Dass man durch ihn hindurchschauen könnte, um den rückwärtigen Verkehr zu beobachten – diese Idee ist dem Durchschnittsfahrer in Thailand nicht grundsätzlich fremd, aber in der Praxis selten zu beobachten. Man schaut nach vorne. Was hinten kommt, kommt eben.
JETZT den Wochenblitz WERBEFREI lesen!
Blinker setzen folgt einer ähnlichen Philosophie. Der Blinker zeigt in Thailand an, was man gerade tut, nicht was man zu tun beabsichtigt. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, ist es aber nicht. In Deutschland blinkt man, bevor man die Spur wechselt. In Thailand blinkt man während des Spurwechsels, manchmal kurz danach. Beides gilt als korrekt, je nach Stimmung.
Was ist ein Bremsweg?
Eine Fahrschule in Thailand zu besuchen ist nicht zwingend vorgeschrieben – und selbst wer hingeht, lernt dort nicht unbedingt, wie ein Bremsweg funktioniert. Was das bedeutet, sieht man täglich: Ein Auto bremst nicht – oder zu spät, oder mit falscher Technik – und trifft dabei ein Motorbike, das keine Chance hatte auszuweichen. Der Aufprall ist auf unzähligen Dashcam-Videos festgehalten, hochgeladen, kommentiert, vergessen, und beim nächsten Unfall beginnt das Prozedere von vorne.
Bremsweg ist Physik. Bei 80 km/h braucht ein normales Fahrzeug gut 40 Meter, um zum Stehen zu kommen – Reaktionszeit nicht mitgerechnet. Wer das nicht weiß, fährt mit dem Sicherheitsabstand eines Fußgängers. Die Konsequenz: Kettenunfälle auf geraden, trockenen Straßen, bei gutem Licht, bei überschaubarer Geschwindigkeit. Unfälle, die vermeidbar wären, wenn man ihnen beigebracht hätte, was passiert, wenn man auf ein Bremspedal tritt und warum man das früh genug tun muss.
Helm? Wozu hat man eine Schädeldecke
Das Helmgesetz in Thailand existiert seit Jahrzehnten. Es wird auch durchgesetzt – sporadisch, an festen Kontrollpunkten, an denen man schon von Weitem den Polizisten sieht und kurz anhält, um den Helm vom Lenker zu nehmen und aufzusetzen. Danach nimmt man ihn wieder ab. Das ist nicht zynisch gemeint, das ist Beobachtung. Auf dem Land, in den Seitenstraßen, in den Dörfern fährt ein erheblicher Teil der Motorbikefahrer ohne jeden Kopfschutz, darunter Kinder, manchmal ganze Familien auf einem 125-ccm-Roller.
Das Thailändische Gesundheitsministerium hat im Juni 2025 die Zahlen veröffentlicht: 84 Prozent der zwischen 2020 und 2024 wegen Motorbikeunfällen hospitalisierten Fahrer trugen zum Zeitpunkt des Unfalls keinen Helm. 84 Prozent. Das ist keine Randnotiz. Das ist der Grund, warum Thailand im Jahr 2024 mehr als 14.000 Menschen durch Motorbikeunfälle verloren hat – im Schnitt alle zwei Stunden drei Tote.
Ein Bier für die Kurve
Über Alkohol am Steuer zu schreiben fühlt sich in Thailand manchmal an wie gegen den Wind zu sprechen. Nicht weil das Thema tabu wäre, sondern weil die Zahlen so eindeutig sind und sich so wenig ändert. Eine Mahidol-Studie, 2026 veröffentlicht, hat 1.979 tödliche Unfälle zwischen 2018 und 2023 ausgewertet: In 45 bis 57 Prozent aller Fälle war der Blutalkohol über dem Grenzwert. Im Jahr 2022 waren es sogar 57 Prozent. Mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle – alkoholbedingt.
Beim Songkran-Fest 2026 hat die Bewährungsbehörde zwischen dem 10. und 14. April 3.961 Fälle bearbeitet. 3.726 davon: Trunkenheit am Steuer. Das sind 94 Prozent. Kein Tippfehler. Neunundneunzig Prozent, Entschuldigung – 94 Prozent. Neujahr 2026 war ähnlich: In Bangkok, Chiang Mai und Nonthaburi wurden allein an drei Tagen 1.558 Fälle erfasst, 92 Prozent davon alkoholbedingt. Man kann diese Zahlen lesen und wegklicken. Oder man hält kurz inne.
Die sieben gefährlichsten Tage
Thailand kennt die „Sieben gefährlichen Tage“ – die offiziellen Kampagnenperioden rund um Songkran und das neue Jahr, in denen Checkpoints aufgebaut, Pressemitteilungen herausgegeben und Ziele für den Rückgang der Unfallzahlen formuliert werden. Das fünfte Nationale Verkehrssicherheitsprogramm läuft bis 2027 und hat sich vorgenommen, die Todesrate von 25,4 auf 12 Tote pro 100.000 Einwohner zu senken. Ein ehrgeiziges Ziel. Beim Songkran 2026 allein starben in fünf Tagen 191 Menschen, 73 Prozent davon auf Motorbikesn.
Die häufigste Unfallursache war – wenig überraschend – überhöhte Geschwindigkeit, gefolgt von plötzlichem Spurwechsel. Das klingt nach zwei lösbaren Problemen. Es sind auch zwei lösbare Probleme. Nur dass sie seit zwei Jahrzehnten und fünf Nationalplänen immer noch dieselben sind. Ich glaube nicht, dass die Behörden das nicht wissen. Ich glaube, es fehlt an etwas anderem – aber das ist eine andere Kolumne.
Was die Dashcam jeden Tag zeigt
Bis Ende August 2026 hatte das Unfallerfassungssystem ThaiRSC in diesem Jahr 8.722 Verkehrstote registriert. 31 pro Tag, im Durchschnitt. Das sind Menschen, die morgens losgefahren sind und abends nicht mehr da waren. Kein Songkran, keine besonderen Feiertage – ganz normaler Alltag. Wer diese Zahlen liest und dann auf Thai-YouTube die entsprechenden Dashcam-Videos anschaut, versteht, warum Thailand in der WHO-Statistik auf Platz 16 der tödlichsten Länder für den Straßenverkehr steht.
Ich erzähle die Geschichten aus dem ersten Absatz gerne weiter. Den Geisterfahrer auf dem Highway, den qualmenden Tuner, den Pickup mit dem Kühlschrank. Die Geschichten sind komisch. Sie sind auch wahr. Und hinter jeder dieser Geschichten steckt eine Lücke: zwischen dem, was in Thailand auf der Straße passiert, und dem, was möglich wäre, wenn man es wirklich wollte. Das ist keine Kritik. Das ist Trauer.
Anmerkung der Redaktion
Lesen Sie auch: Thailand dreht an der Schraube
Die genannten Unfalldaten stammen aus Veröffentlichungen des thailändischen Gesundheitsministeriums (DDC), der Bewährungsbehörde (Department of Probation), des Road Safety Directing Center (RSDC) und der Unfallerfassungsplattform ThaiRSC (Stand: August 2026). Die Studie zur Alkoholbeteiligung bei tödlichen Unfällen wurde 2026 in der Fachzeitschrift Biomedical Sciences and Clinical Medicine der Mahidol University veröffentlicht. Diese Kolumne gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder.

Wichtiger Hinweis für unsere Leser
Wir freuen uns auf Ihren Beitrag! Bitte beachten Sie für ein freundliches Miteinander unsere Regeln: