Eine wahre Kurzgeschichte aus meinem Leben in Thailand
Wenn man als ehemaliger Rechtsanwalt im Rentnerparadies Thailand lebt, glaubt man irgendwann, auf fast alles vorbereitet zu sein. Man hat schließlich schon Scheidungen überlebt, mit Behörden verhandelt, Eheverträge entworfen und studiert und sich mit den kleinen und großen Absurditäten des thailändischen Alltags arrangiert.
Aber dass man eines Tages auf einer Beerdigung vom Ehrengast zum Pausenclown befördert wird, ohne dass man sich dafür beworben hätte, das war selbst für mich eine neue Erfahrung.
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Der Anlass war traurig genug. Mein Freund Gerd war am 13. Oktober 2026 gestorben. Gerd, ehemaliger Lokomotivführer der Deutschen Bahn, leidenschaftlicher Thailand-Auswanderer und Begründer unseres German Table in Pattaya, war nach langer Krankheit an einer schweren Lungenentzündung friedlich eingeschlafen.
Wir hatten uns über Facebook kennengelernt. Er hatte entdeckt, dass ich aus Traben-Trarbach an der Mosel stammte, einem Ort, an dem er viele Jahre zuvor einmal mit der Bundesbahn angekommen war. Dort hatte er seinerzeit im Schwimmbad eine Dame kennengelernt, mit der sich offenbar eine amouröse Beziehung entwickelt hatte. So etwas vergisst ein Mann offenbar nicht so schnell. Jedenfalls lud Gerd mich zum German Table ein, und aus dieser Einladung wurde eine Freundschaft.
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Nun sollte ich auf seiner Beerdigung die Trauerrede halten. Ich hatte mir große Mühe gegeben und eine elfseitige Rede geschrieben, in der ich sein Leben, seine Eisenbahnzeit, seine Liebe zu Thailand, seine Reisen und natürlich unseren Stammtisch würdigte. Auch seine Ecken und Kanten sollten nicht fehlen. Schließlich war Gerd keiner, der sich den Mund verbieten ließ. Dass ausgerechnet mir das später auf seiner Beerdigung passieren sollte, hätte er vermutlich mit einem seiner typischen Kommentare quittiert.
Am Sonntag erschien ich also zur Trauerfeier. Schon beim Betreten des Geländes fiel mir ein großer Trauerkranz auf. Darauf stand unter anderem:
„Mr. Frank Rolff and Wife“ – Ehrengast

Nun gut, mein Name war zwar nicht ganz richtig geschrieben, aber die Botschaft schien eindeutig. Ich war offenbar nicht einfach irgendein deutscher Freund des Verstorbenen, sondern ein Ehrengast. Und der Kranz stand auch noch in unmittelbarer Nähe des Rednerpultes. Das ließ einiges erwarten.
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Ich fühlte mich zwar nicht unbedingt wie ein Staatsgast, aber doch wie jemand, dem man eine gewisse Bedeutung beimaß. Immerhin sollte ich ja das Leben meines Freundes würdigen und den deutschen Gästen erklären, wer dieser Gerd eigentlich gewesen war.
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Die Trauergemeinde war beachtlich. Ich schätzte, dass zwischen sechzig und achtzig Menschen gekommen waren, darunter ungefähr dreißig deutschsprachige Gäste. Die übrigen waren überwiegend Thailänder, die natürlich ebenfalls Abschied nehmen wollten.
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Pünktlich um 14 Uhr begann die Zeremonie. Zunächst sangen die Mönche ihre Gebete und Gesänge. Anschließend trat ein thailändischer Redner ans Pult und sprach ungefähr eine Viertelstunde lang. Worum es im Einzelnen ging, konnte ich mangels ausreichender Sprachkenntnisse nicht beurteilen. Die deutschen Gäste um mich herum verstanden vermutlich ebenso wenig wie ich.
Am Ende seiner Ansprache stellte der Redner mehrere Ehrengäste vor, ungefähr fünf an der Zahl. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen. Jeder erhob sich, verbeugte sich ehrerbietig und schritt hinauf zum Sarg. Dort wurden seitlich Blumen gereicht, die der jeweilige Ehrengast auf dem Sarg niederlegte. Anschließend ging es wieder hinunter, und der nächste war an der Reihe.
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Das Ganze hatte etwas Feierliches und folgte offenbar einem festen Ritual. Vielleicht war unter den Ehrengästen wahrscheinlich sogar der Bürgermeister des Ortsteils. Ganz genau konnte ich das nicht feststellen. Jedenfalls dauerte die Zeremonie länger, als ich erwartet hatte.
Ich saß derweil da und wartete auf meinen Auftritt.
Laut Zeitplan sollte ich um 14.45 Uhr sprechen, also eine Viertelstunde vor der vorgesehenen Kremierung. Ich hatte meine Rede sorgfältig vorbereitet, und elf Seiten füllen sich bekanntlich nicht von selbst. Ich wollte Gerds Leben erzählen, damit die Anwesenden verstehen konnten, wer dieser Mann gewesen war: ein Eisenbahner, ein Weltenbummler, ein Wahl-Thailänder und vor allem derjenige, der Woche für Woche Menschen am German Table zusammengebracht hatte.
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Doch die Mönchsgesänge, die thailändische Ansprache und die Ehrengast-Prozession hatten ihren eigenen Zeitplan. Als ich endlich an der Reihe sein sollte, war es nicht mehr 14.45 Uhr, sondern bereits 14.55 Uhr.
Zehn Minuten Verspätung. Für einen ehemaligen Lokomotivführer eigentlich kein Drama. Schließlich wusste Gerd besser als die meisten von uns, dass ein Fahrplan manchmal nur eine freundliche Empfehlung ist.
Dann wurde ich endlich gebeten, nach vorne zum Rednerpult zu treten.
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Ich erhob mich, ging nach vorne und blickte in die Gesichter der versammelten Trauergäste. Sechzig bis achtzig Menschen schauten mich an. Der große Kranz hatte mich als Ehrengast ausgewiesen. Ich war der deutsche Freund, der das Leben des Verstorbenen noch einmal in Erinnerung rufen sollte.
Insofern begann ich meine Trauerrede.
Die ersten Sätze liefen gut. Ich sprach über Gerds Leben, seine Arbeit bei der Deutschen Bahn, seine Zeit als Lokomotivführer und seinen Entschluss, nach Thailand auszuwandern. Ich erzählte von seiner Liebe zu diesem Land und davon, wie er in Pattaya einen Ort geschaffen hatte, an dem sich Menschen regelmäßig begegnen konnten.
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Ich war gerade dabei, meine Rede zu entfalten, und hatte vielleicht fünf Minuten gesprochen, da geschah das Unfassbare.
Plötzlich trat die Witwe an das Rednerpult.
Sie sah mich mit einem Blick an, der wenig Raum für Interpretationen ließ. Sinngemäß teilte sie mir mit, dass es nun an der Zeit sei, zum Ende zu kommen und meine Rede zu kürzen.
Ich war zunächst sprachlos.
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Elf Seiten hatte ich geschrieben. Die Rede sollte das Leben meines Freundes darstellen. Ich hatte sie nicht aus einer Laune heraus verfasst, sondern mir überlegt, welche Stationen seines Lebens für die Trauergäste wichtig waren. Und nun sollte ich nach gerade einmal fünf Minuten abbrechen, obwohl mindestens weitere zehn Minuten vorgesehen gewesen waren.
Vor allen Gästen.
Man kann sich vorstellen, dass ich in diesem Moment nicht gerade von innerer Gelassenheit erfüllt war. Ich fühlte mich vor der versammelten Trauergemeinde vorgeführt. Eben noch war ich der vermeintliche Ehrengast gewesen, jetzt kam ich mir vor wie der große Dummhansel, den man auf die Bühne geschickt hatte, um nach wenigen Minuten wieder abtreten zu dürfen.
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Oder, um es etwas weniger vornehm auszudrücken: Ich fühlte mich wie ein Pausenclown.
Da stand ich nun am Rednerpult, mit meiner elfseitigen Trauerrede in der Hand, und sollte so tun, als wäre das alles völlig normal. In meinem früheren Berufsleben als Rechtsanwalt hätte ich in einer solchen Situation vermutlich zunächst einmal gefragt, auf welcher Rechtsgrundlage die Unterbrechung erfolgte. Auf einer Beerdigung erschien mir diese Frage allerdings nicht sonderlich hilfreich.
Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment vernünftig erschien.
Ich wandte mich an die Trauergäste und erklärte auf Deutsch:
„Liebe Gäste, ich bin gerade aufgefordert worden, meine Rede zu beenden beziehungsweise zu kürzen.“
Damit war wenigstens klar, dass ich nicht plötzlich aus eigenem Antrieb beschlossen hatte, das Leben meines Freundes auf fünf Minuten zusammenzustreichen.
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Anschließend las ich nur noch die letzte Seite meiner Rede vor. Sie war natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Der große Bogen, den ich vorbereitet hatte, war dahin. Die Geschichten über Gerds Leben, seine Arbeit, seine Reisen und den German Table konnten nicht mehr in der vorgesehenen Form erzählt werden.
Zum Abschluss machte ich noch auf eine Möglichkeit aufmerksam, die mir in diesem Augenblick durchaus passend erschien. Ich erklärte den Anwesenden, dass die vollständige Trauerrede auf Facebook beziehungsweise auf unserer WhatsApp-Stammtischseite nachgelesen werden könne, falls jemand daran Interesse habe.
Damit war mein Auftritt beendet.
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Der Ehrengast hatte seine Pflicht erfüllt. Der Trauerredner war abserviert. Und der Pausenclown durfte die Bühne verlassen.
Was mich besonders ärgerte, war nicht allein die Unterbrechung an sich. Es war die Tatsache, dass mir die Aufgabe übertragen worden war, das Leben von Gerd zu schildern, dass ich mir dafür viel Mühe gemacht hatte und dass diese Aufgabe dann vor den Augen aller Gäste abrupt beendet wurde.
Ich hatte die Rede geschrieben, um meinem Freund gerecht zu werden. Nicht, um mich selbst in Szene zu setzen. Ich wollte, dass die Menschen etwas über den Mann erfuhren, von dem sie Abschied nahmen. Und nun stand ich da, als hätte ich die Länge meiner eigenen Rede nicht im Griff.
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Stinksauer war ich. Das ist die höfliche Formulierung.
Doch die Zeremonie ging weiter. Der Sarg wurde von den Trauergästen dreimal um das Krematorium getragen. Alle gingen mit, dreimal um das Gebäude herum, in einem letzten gemeinsamen Gang für Gerd.
Anschließend erhielten wir noch einmal die Möglichkeit, in den Sarg zu schauen.

Dann öffnete sich die Klappe, und der Sarg wurde in den Gasofen zur Kremierung geschoben.
Ein endgültiger Moment. Ein stiller Abschied.
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Und trotz meines Ärgers war mir natürlich bewusst, worum es an diesem Tag eigentlich ging. Nicht um meine Rede, nicht um den Kranz und auch nicht um die Frage, wer wie lange sprechen durfte. Es ging um Gerd, der nicht mehr unter uns war.
Trotzdem saß der Stachel tief.
Während die anderen noch beisammenblieben, ging ich zu meinem Auto, stieg ein und verließ aus lauter Verärgerung das Gelände. Mir war nicht nach weiteren Gesprächen zumute. Ich wollte einfach nur weg.
Erst später musste ich über die ganze Angelegenheit nachdenken. In Thailand erlebt man vieles anders als in Deutschland. Die Abläufe bei einer Trauerfeier folgen anderen Traditionen, und die zeitliche Planung mag aus Sicht der Veranstalter ganz anders ausgesehen haben als aus meiner Sicht. Vielleicht hatte die Witwe ihre Gründe, vielleicht war die Zeit tatsächlich knapp geworden. Das konnte ich in diesem Moment nicht wissen.
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Aber eine Sache blieb für mich bestehen: Wenn man jemanden bittet, eine ausführliche Trauerrede zu halten, sollte man vorher klären, wie viel Zeit dafür tatsächlich zur Verfügung steht. Und wenn sich der Ablauf verzögert, hätte eine öffentliche Unterbrechung vor der gesamten Trauergemeinde sicherlich nicht den Regeln der Höflichkeit entsprochen.
Das hätte allen Beteiligten eine unangenehme Situation erspart.
Und so wurde aus einer Trauerfeier, auf der ich meinem Freund Gerd die letzte Ehre erweisen wollte, eine jener Geschichten, die einem vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben.
Ich war als Ehrengast gekommen. Ich hatte eine elfseitige Rede vorbereitet. Ich durfte fünf Minuten sprechen, wurde öffentlich zum Aufhören aufgefordert und las schließlich nur noch die letzte Seite vor.
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Wenn das keine Beförderung ist!
Vom Ehrengast zum Pausenclown – und das alles, ohne auch nur einen einzigen Baht dafür zu bekommen.
So ist das Leben in Thailand. Manchmal fährt man als Lokomotivführer bis zum letzten Bahnhof. Manchmal wird man unterwegs aus dem Zug geworfen. Und manchmal steht man am Rednerpult, glaubt, man habe das Wort – und merkt nach fünf Minuten, dass der Fahrplan längst geändert worden ist.
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Lieber Gerd, ich hätte dir gewünscht, dass deine letzte Reise anders verlaufen wäre. Und ich hätte dir gerne die ganze Geschichte deines Lebens erzählt, so wie ich sie für dich vorbereitet hatte.
Aber eines kann ich dir versprechen: Vergessen werde ich dich nicht.
Und deine elfseitige Trauerrede? Die gibt es weiterhin. Wer wissen möchte, was ich über dich zu sagen hatte, kann sie nachlesen.
Denn eines steht fest: Selbst wenn man dem Trauerredner das Mikrofon wegnimmt, muss das letzte Wort noch lange nicht gesprochen sein.
Frank Rohleff

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