BANGKOK – Eine Woche vor der Wahl des Gouverneurs haben Amnesty International und ein breites Bündnis der Zivilgesellschaft klare Forderungen gestellt: Bangkok muss zur Menschenrechtsstadt werden, die niemanden im Stich lässt. Obdachlose, diskriminierte Gruppen, Frauen ohne Zugang zu sicherer Abtreibung, Arme in Elendsvierteln und verschwundene Straßenhändler – sie alle verlangen vom nächsten Stadtchef einen verbindlichen Aktionsplan noch im ersten Amtsjahr.
Große Bühne für Menschenrechte vor der Wahl
Am 20. Juni 2026 lud das Netzwerk ins Bangkoker Kunst- und Kulturzentrum (BACC) ein – unter dem Titel „Worte der Führung, Agenda der Menschenrechte: Bangkok, eine Stadt, die niemanden zurücklässt“. Ziel war es, den Kandidaten für die Gouverneurswahl am 28. Juni Raum für ihre Visionen zu geben und die Bürger einzuladen, über die künftige Stadt zu diskutieren.
Diskussionsrunden zu Bildung, Jugendbeteiligung und konkreten Menschenrechtsthemen standen auf dem Programm. Parallel präsentierten Organisationen ihre Stände, um zu zeigen: Menschenrechte entscheiden sich auf den Straßen, Gehwegen, in Schulen, Gesundheitszentren und der Luft, die alle atmen.
Amnesty fordert Menschenrechtsplan im ersten Amtsjahr
Amnesty International Thailand verlangt von den Bewerbern, innerhalb des ersten Jahres einen „Aktionsplan Bangkok als Menschenrechtsstadt“ auf den Weg zu bringen. Phetcharat Saksirivethakul, Kampagnenmanagerin von Amnesty Thailand, sagte: „Die Wahl des Gouverneurs sollte nicht nur eine Frage der Person sein, sondern eine wichtige Gelegenheit, politische Agenden voranzutreiben, insbesondere Menschenrechtspolitik, die die Lebensqualität der Menschen täglich bestimmt.“
Der Plan müsse mit den Befugnissen der Stadt, dem Entwicklungsplan, dem Budget und klaren Zielen verknüpft werden. Bürger sollen überprüfbare Indikatoren, Zeitrahmen und Beschwerdemechanismen erhalten, damit Menschenrechte keine hohlen Versprechen bleiben.
„Nicht von einem Gouverneur abhängig machen“
Phetcharat warnte davor, den Schutz Grundrechte an eine einzelne Führungsfigur zu knüpfen: „Bangkok muss Menschenrechte zu einem System der Stadt machen, das die Menschen kontinuierlich und fair schützt, auch wenn die Führung wechselt.“ Internationale Vorbilder wie Gwangju, York, Wien, Lund und Ulaanbaatar zeigten, dass eine Menschenrechtsstadt durch Bürgerbeteiligung, Schulung der Beamten und Folgenabschätzungen entsteht.
Menschenrechte müssten in den Dienstleistungen und öffentlichen Räumen spürbar sein. Die thailändische Hauptstadt als direkt Verantwortliche für Gehwege, Schulen, Gesundheitsämter und Umwelt habe dabei eine zentrale Rolle – sie sei die Schnittstelle zwischen Prinzipien auf Papier und fühlbarer Lebensverbesserung.
Obdachlose nicht vertreiben, sondern aufrichten
Atchara Saravari von der Issarachon Foundation stellte klar: „Obdachlose oder Menschen, die im öffentlichen Raum leben – das ist kein Problem einer bestimmten Gruppe, sondern eine Frage der Wohlfahrt und der Würde aller.“ Ein lebenswertes Bangkok sei keine Stadt, die Wohnungslose aus dem Blickfeld schiebt, sondern eine, die niemanden fallen lässt, wenn das Leben in die Krise gerät.
Nötig sei ein System, das Wohnraum, Arbeit und Gesundheitsversorgung bereitstellt und vor allem verhindert, dass Menschen überhaupt ihr Zuhause verlieren. Das gehe nur mit Zusammenarbeit von Staat, Zivilgesellschaft und Bürgern – und nicht mit kurzfristiger Symptombekämpfung.
Mehr Gleichheit trotz aller Vielfalt
Jarunee Siripan vom Netzwerk zur Beseitigung von Diskriminierung (Move-Di) betonte, dass es Bangkok nicht an Vielfalt fehle, wohl aber an Gleichheit. Viele Bürger würden bei Dienstleistungen, Bildung und Arbeit weiter stigmatisiert und diskriminiert. Die entscheidende Frage sei, wie die vorhandene Vielfalt zur Stärke einer inklusiven Stadt werde.
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Move-Di lädt die Kandidaten ein, Bangkok als Modellstadt gegen Diskriminierung voranzutreiben – mit konkreten Beschwerdemechanismen und einer Organisationskultur, die Differenz schützt. Ziel sei eine Pilotregion für künftige Antidiskriminierungsgesetze, in der jeder sicher und in Würde leben kann.
Sichere Abtreibung wohnortnah und ohne Stigmatisierung
Chonthita Kraisrikul von der Tamtang Foundation unterstrich, dass der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen Teil einer umfassenden Gesundheitspolitik sein muss. Bangkok habe mit seinen über zehn Millionen Einwohnern den landesweit höchsten Bedarf – trotzdem fehlten flächendeckende Dienste ohne Kosten und moralische Verurteilung.
Die Stiftung fordert den neuen Gouverneur auf, Abtreibungen an allen 13 Krankenhäusern des Medizinalamts und den 69 Gesundheitszentren des Gesundheitsamtes möglich zu machen. Nur wenn medizinisches Personal weitergebildet und unnötige Hürden wie teure Ultraschalluntersuchungen entfallen, könne die Stadt das Versprechen „sicherer Abbruch für alle“ tatsächlich einlösen.
Sozialstaat statt nur Wirtschaftswachstum
Teerat Panichudomphat vom Netzwerk für Sozialstaat (We Fair) machte klar, dass das Recht auf gute Lebensqualität – Bildung, Wohnung, Gesundheit, Sicherheit und faire Arbeit – auch von der Stadt aktiv umgesetzt werden müsse. Eine bloße Fokussierung auf Infrastrukturentwicklung für mehr Wirtschaftskraft reiche nicht aus.
Bangkok brauche eine Politik, die Menschen absichert, wenn sie Risiken gegenüberstehen, und sie befähigt, Familie und Beruf zu vereinbaren. Nur so entstehe eine Stadt, die sich um alle kümmert und echte Sicherheit bietet – unabhängig von sozialem Status oder Einkommen.
Angst vor der Räumung: Slums brauchen Sicherheit
Nueangnit Chitnok vom Netzwerk der Slums in den vier Regionen brachte die Forderung nach Wohnsicherheit auf den Punkt: „Wenn Bangkok eine Menschenrechtsstadt sein will, muss es damit beginnen, dass die städtischen Armen darauf vertrauen können, ein sicheres Zuhause zu haben und abends ohne Angst zurückkehren zu können – ohne Furcht vor Räumung oder Verdrängung aus ihrem Viertel.“
Für viele Bewohner der Armensiedlungen ist die Angst vor Bulldozern alltäglich. Ohne geschützten Wohnraum und einen verlässlichen Mieterschutz bleibe jede Menschenrechtsrhetorik leer, so die Aktivistin.
250.000 Straßenhändler verschwunden – ein Hilferuf
Die Zivilgesellschaft verlangt auch Unterstützung für die fliegenden Händler. In den vergangenen zehn Jahren sollen etwa 250.000 Straßenhändler aus Bangkok verschwunden sein, was die soziale Krise hinter den Kulissen der modernen Stadt zeigt. Ein Vertreter des Straßenhändlerverbands warnte vor dem vollständigen Kollaps dieser Existenzgrundlage.
Wer die Gehwege säubert, ohne alternative Standorte und faire Lizenzen zu schaffen, lasse Tausende ohne Einkommen zurück. Der kommende Gouverneur müsse ein Gleichgewicht zwischen Ordnung und Überlebenschance finden, sonst werde eine ganze Bevölkerungsgruppe weiter an den Rand gedrängt.
Am 28. Juni entscheidet Bangkok über seine Zukunft
Am 28. Juni 2026 wählen die Bürger Bangkoks den neuen Gouverneur und den Stadtrat. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass es den Gruppen nicht um parteipolitische Manöver geht, sondern um handfeste Verbesserungen, die im Alltag ankommen müssen. Ob der nächste Stadtchef den Menschenrechtsplan umsetzt oder alte Prioritäten aus Beton und Wirtschaftsinteressen fortführt, wird sich nach der Wahl zeigen. Der Druck der Zivilgesellschaft ist jedenfalls aufgebaut.
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