ISRAEL/THAILAND – Trotz Raketenalarm und wachsender Todesopfer steigt die Zahl thailändischer Arbeiter in Israel auf 50.000. Für viele Frauen aus Thailand ist es die letzte Chance auf ein Leben ohne Armut. Die wirtschaftliche Not wiegt schwerer als die Angst vor dem nächsten Angriff.
Die neue Rekrutierungswelle nach dem Waffenstillstand
Fast drei Jahre nach dem Hamas-Überfall, bei dem 39 thailändische Arbeiter getötet und 31 als Geiseln genommen wurden, ist die thailändische Arbeiterschaft in Israel nicht etwa geschrumpft. Sie explodiert geradezu.
Waren es vor dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 noch etwa 30.000 Beschäftigte, ist die Zahl jetzt auf rund 50.000 gestiegen. Sie verteilen sich auf Landwirtschaft, Bau, Fertigung und Dienstleistung.
Eine Familie aus Nonthaburi rechnet nach
Für A, eine 43-Jährige aus Nonthaburi, geht es nicht um Politik. Es geht um 77.000 Baht Monatslohn, um die 18-jährige Tochter im Studium und um Semestergebühren zwischen 40.000 und 50.000 Baht.
150.000 Baht hat sie für Vertrag und Gebühren vorgestreckt. Ihr Mann von Phuket hilft, aber der finanzielle Druck bleibt gewaltig. Der Vertrag läuft über fünf Jahre und drei Monate.
Englisch und Hebräisch als Eintrittskarte
Die Bewerbung lief über das thailändische Arbeitsministerium. A büffelte Englisch und Hebräisch, bestand die Prüfung und stach rund 40 Mitbewerber im selben Programm aus.
»Wer den Chef auf Englisch und Hebräisch begrüßen kann, hat bessere Chancen«, sagt sie. Ihr Schwager rackert bereits seit acht Jahren auf einem israelischen Bauernhof.
Die alleinerziehende Mutter aus Nong Khai
Unter den Neuankömmlingen ist auch eine 45-jährige Frau mit drei Kindern im Alter von 24, 18 und zwei Jahren. Sie hatte es 2023 schon einmal versucht, doch nach dem Hamas-Angriff brach das Programm zusammen.
2025 wagte sie einen neuen Anlauf, kurz bevor die Altersgrenze von 44 Jahren sie endgültig aussortiert hätte. »Andere sagten immer, ich sei zu alt. Ich hatte solche Angst, den Job nicht zu kriegen. Letztlich hat es doch geklappt.«
Vier Tote bei Raketenangriff im Norden
Die Gefahren sind real. Im November 2024 schlug eine Hisbollah-Rakete im Norden ein und tötete vier thailändische Landarbeiter samt ihren israelischen Arbeitgebern. Von 31 Geiseln wurden 28 lebend freigelassen, drei starben in Gefangenschaft.
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Anfang 2026 wurde ein 34-jähriger thailändischer Landarbeiter von Splittern iranischer Streumunition getroffen und starb. Es war das erste thailändische Opfer im jüngsten Konflikt zwischen Israel und dem Iran.
Massagetherapeutin aus Mukdahan
Eine 33-jährige Frau aus Mukdahan lebt seit über acht Jahren in Tel Aviv. Sie kam wegen der Heirat mit einem Israeli, blieb nach der Scheidung und baute mit einem thailändischen Partner ein neues Leben auf.
Ihre vierjährige Tochter spricht fließend Hebräisch und Englisch, geht mit israelischen Kindern zur Schule. Zu Hause spricht die Mutter Thailändisch: »Ich will, dass sie weiß, woher sie kommt.«
Raketenalarm mitten in der Nacht
Am Abend des 7. Oktober 2023 dachte sie noch, die Gewalt bliebe auf den Süden beschränkt. Dann dröhnten die Warnungen über Tel Aviv, Einschläge erschütterten die Nachbarschaft.
»Unser Chef sagte sofort: Schließen, ab in den Keller«, erinnert sie sich. Heute gehören Handywarnungen um drei oder vier Uhr morgens zum Alltag. Die israelischen Sicherheitssysteme geben ihr Routine und Vertrauen.
Zehn Arbeitstage für die Tochter
Ihr Monatsverdienst liegt bei rund 10.000 Schekel, umgerechnet etwa 111.445 Baht, Trinkgelder nicht mitgerechnet. Für thailändische Verhältnisse ein Spitzengehalt.
»Ich muss hart arbeiten. Aber für meine Tochter und meine Zukunft kämpfe ich weiter«, sagt A. Ihr Plan: Wenn der Vertrag endet, ist sie 48 und will früh in Rente gehen.
Angst ja, Rückkehr nein
Die Rechnung ist einfach und bitter. Die Wirtschaft in Thailand ist instabil, die Schulden drücken. In Israel wartet zwar der nächste Raketenalarm, aber auch das nächste Monatsgehalt.
»Ich habe keine Angst vor der Lage. Egal wo wir sind, sterben können wir sowieso jederzeit. Ich gehe das Risiko lieber hier ein, als zu Hause zu bleiben«, sagt A.
Das Kalkül hinter den Koffern
Hinter den Zahlen und Konfliktmeldungen stehen tausende Einzelentscheidungen. Es geht um Studiengebühren, Kleinkinder, Altersvorsorge und die Frage, was ein Mensch aushalten kann. Die Gleichung bleibt für viele Thailänder dieselbe: Die Gefahr des Krieges wiegt weniger schwer als die Gewissheit finanzieller Not. Solange das so bleibt, werden weiterhin Koffer gepackt.
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