Ein Artikel von Sirinya Chaisamut
Ich war bei mehr Totenfeiern von Ausländern dabei, als ich zählen mag. Manche waren würdevoll, manche still, manche schlicht herzzerreißend. Nach all den Jahren weiß ich: Es ist nicht immer der Tod selbst, der einen fertigmacht. Es ist das, was er enthüllt.
Was ich auf diesen Feiern gesehen und gehört habe, erzähle ich hier. Nicht um zu erschrecken. Sondern weil jeder, der in Thailand lebt, die Geschichten kennen sollte, die hinter verschlossenen Türen passieren.
Der Mann, den niemand vermisste
Es war ein Donnerstagmorgen, als der Vermieter die Tür aufbrach. Sein Mieter, ein Österreicher Mitte sechzig aus Graz, hatte die Miete nicht überwiesen. Das war neu — er zahlte immer pünktlich. Was er fand, lag schon seit mindestens fünf Tagen in der Wohnung. Kein Angehöriger in Thailand. Keine Notfallnummer hinterlegt. In seinem Telefon: 47 ungelesene WhatsApp-Nachrichten, die meisten von einer Tochter, die er seit Jahren kaum gesehen hatte.
Die Totenfeier im Tempel war still. Drei Expats aus der Gegend, der Vermieter, eine Nachbarin. Der Priester rezitierte auf Thai. Niemand verstand ein Wort. Kein Sarg, nur ein Leichentuch, das der Tempel stellte. Es wurde gesammelt, damit die Asche wenigstens in eine Urne passte. Ich stand dabei und dachte: Er hatte nicht einmal eine Kerze verdient?
Vom Balkon — und was danach kommt
Balkonstürze sind in Pattaya so häufig, dass die Polizei sie kaum noch eigens untersucht. Pattaya Mail zählte allein in der ersten Jahreshälfte 2024 dort 36 tote Ausländer — Sturz oder Suizid, 95 Prozent Männer. Manche sprangen. Manche fielen betrunken. Was danach passiert, ist jedes Mal gleich: Die Botschaft wird informiert. Und irgendwo in in einem anderen Land klingelt mitten in der Nacht ein Telefon.
Ich kannte einen dieser Männer. Nicht gut, aber gut genug. Er lebte seit acht Jahren in Jomtien, allein, seit seine Thai-Freundin ihn verlassen hatte. Er trank zu viel, alle wussten es. Als es passierte, hatten seine Kinder in Deutschland seit zwei Jahren nichts von ihm gehört. Für die Rückführung des Leichnams nach Bayern sammelten Expats aus seiner Hausbar das Geld zusammen. Für die Familienreise, die seine Kinder nicht antraten, sorgte niemand.
Die Frau, die nicht an ihr eigenes Geld kam
Nong war 38, als ihr Mann starb. Er war Schweizer, 71, und sie hatten zehn Jahre zusammengelebt. Er liebte sie aufrichtig, das spürte man. Was er vergessen hatte: ihr jemals seinen PIN zu nennen, seine Passwörter aufzuschreiben, ein Testament zu machen. Als er morgens nicht mehr aufwachte, war das Konto gesperrt — noch am selben Tag, automatisch, sobald der Tod der Bank gemeldet wurde. Die Beisetzung im Tempel kostete umgerechnet rund 40.000 Baht. Nong hatte nichts. Ihre Nachbarn sprangen ein.
Kein Testament, kein Nachlassverwalter — auf Thai: Phu Chat Kan Moradok — bedeutet in Thailand: Gericht. Das dauert. Manchmal Monate, manchmal über ein Jahr. Bis dahin sitzt die Witwe in einer Wohnung, deren Miete abläuft, mit einem Konto, an das sie nicht darf, und einem Erbe, das irgendwo im Bürokratiedschungel feststeckt. Nongs Geschichte ist kein Einzelfall. Ich habe mindestens vier solcher Fälle erlebt.
Wenn die Familie in Europa schweigt
Manchmal stirbt ein Mann, und die Familie kommt nicht. Nicht weil sie nicht kann — sondern weil sie nicht will. Der Kontakt war abgebrochen, die Distanz zu groß. Bei einer Feier in Chiang Mai hatte der Sohn aus München angerufen: Er übernehme keine Kosten, er wolle die Asche nicht. Der Tempel behielt sie — in einem Chedi, wo Urnen ohne Erben manchmal zehn Jahre stehen.
Was mich bei dieser Feier am meisten traf: Drei Thai-Frauen weinten, die nichts mit dem Verstorbenen zu tun gehabt hatten. Sie weinten einfach, weil jemand allein gestorben war und das traurig ist. Diese Geste ist zutiefst buddhistisch. Sie glauben, dass eine Seele, für die niemand weint, schwerer weiterkommt. Ich glaube das nicht. Aber ich habe mitgeweint.
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Was einen Deutschen im Hotelzimmer tötete
Ein Fall beschäftigt mich noch heute. Ein Europäer, Anfang siebzig, hatte sich in Phuket ein Zimmer für eine Woche genommen. Er war krank, das wusste er. Er hatte keine Krankenversicherung mehr — zu alt, zu teuer, kein Anbieter wollte ihn. Aufgefunden wurde er drei Tage nach seinem Tod, als die Reinigungskraft das Zimmer betrat. Kein Notruf, kein Nachbar, niemand.
Die Botschaft wurde informiert. Die Identifizierung dauerte zwei Tage, weil sein Pass abgelaufen war und er nirgends angemeldet. Seine Schwester erfuhr es durch das Konsulat. Für die Überführung — ohne Versicherung schnell 8.000 bis 10.000 Euro — beantragte sie staatliche Nothilfe. Ob sie bewilligt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Das muss nicht so enden.
Was bleibt, wenn man nichts hinterlässt
Ich schreibe das nicht, um Angst zu machen. Ich schreibe es, weil die meisten Männer, die ich auf diesen Feiern verabschiedet habe, nicht so hätten sterben müssen. Ein Testament kostet in Thailand ein paar Tausend Baht. Eine Notfallnummer beim Konsulat zu hinterlegen ist kostenlos. Den PIN der Partnerin zu sagen, kostet gar nichts. Und eine Krankenversicherung, die im Alter noch trägt, ist manchmal der einzige Unterschied zwischen einem würdevollen Tod und dem, was ich zu oft gesehen habe.
Für Expats, die noch keine passende Absicherung fürs Alter haben, lohnt sich ein früher Vergleich — am besten schon Jahre vor dem Ruhestand, weil die Aufnahmegrenzen strikt sind: hier finden Sie Tarife, die auch ältere Versicherte noch aufnehmen. Wer außerdem rechtlich absichern möchte, wie Konto und Nachlass geregelt werden, findet bei erfahrenen Beratern erste Orientierung, ohne dass dafür gleich ein Anwalt in zwei Ländern beauftragt werden muss.
Drei Dinge, die ich nach all den Feiern weiß
Sagen Sie jemandem, wo Ihre Dokumente liegen. Nicht irgendwann — jetzt. Pass, Versicherungspolice, Testament, Bankzugänge. Schreiben Sie es auf, legen Sie es in einen Umschlag, geben Sie ihn einer Person, der Sie vertrauen. Das kann die Thai-Partnerin sein, ein Freund im Ort, ein Anwalt. Wer sich bei der deutschen Botschaft Bangkok registriert, gibt den Behörden wenigstens eine Chance, im Todesfall die richtigen Menschen zu finden.
Thailand hat mir viel gegeben. Ich lebe hier seit über zwanzig Jahren. Aber es ist kein Land, das Ausländer automatisch auffängt. Soziale Netze bestehen hier aus Familie und Dorfgemeinschaft — für uns gibt es das nicht, es sei denn, wir bauen es uns selbst. Wer das tut, stirbt nicht allein. Wer es nicht tut, riskiert genau das, was ich auf zu vielen Totenfeiern gesehen habe: eine Feier ohne Trauernde, eine Urne ohne Namen, und irgendwo in Europa ein Telefon, das zu spät klingelt.
Redaktionelle Hinweise
Dieser Artikel gibt persönliche Eindrücke der Autorin wieder und ersetzt keine Rechts-, Steuer- oder Versicherungsberatung. Die genannten Fälle sind sinngemäß wiedergegeben; Namen und identifizierende Details wurden verändert.



Vielen Dank für diesen ehrlichen Bericht, der jedem Farang zu denken geben sollte.