Ein Gastbeitrag von Daniel B.
Jeden Morgen wache ich auf und frage mich, ob ich noch in dem Land lebe, das mich vor Jahren hergelockt hat. Thailand war für uns Auswanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einmal die einfache Rechnung: günstiges Leben, warmes Klima, freundliche Menschen. Zwölf Jahre später sitze ich auf der Terrasse, höre die Nachbarin ihren Reis waschen, und die Rechnung geht nicht mehr so glatt auf.
Die politische Lage schwankt, das Finanzamt schaut genauer hin, an der Grenze zu Kambodscha stehen Soldaten. Ich sitze hier und überlege zum ersten Mal ernsthaft: Ist Thailand noch das Land, in dem ich alt werden will? Oder locken Malaysia oder Vietnam mit besseren Karten? Und bin ich mit über sechzig überhaupt noch bereit, den Koffer noch einmal zu packen?
Die politische Achterbahn geht weiter
Als Paetongtarn Shinawatra im Sommer 2025 vom Verfassungsgericht abgesägt wurde, dachte ich noch: übliche thailändische Politik, in ein paar Wochen ist wieder Ruhe. Dann kam ein Übergangspremier, dann Neuwahlen, jetzt regiert Anutin Charnvirakul – und ist gleichzeitig Innenminister, was mir persönlich am wenigsten gefällt. Stabilität sieht anders aus.
Ich lese die Nachrichten am Morgen wie andere Leute den Wetterbericht. Wird heute wieder ein Minister zurücktreten? Ein Verfassungsgericht ein Urteil fällen? Ein General etwas andeuten? Nach zwölf Jahren müsste ich mich daran gewöhnt haben. Habe ich aber nicht. Der Unterschied zu früher ist, dass mir die Turbulenzen heute näher gehen als damals, weil sie inzwischen bis in meine Steuererklärung reichen.
Kambodscha: Der Konflikt vor der Haustür
Was mich mehr beschäftigt als die Regierung in Bangkok, ist die Lage an der kambodschanischen Grenze. Nach den Kämpfen im Sommer und Dezember 2025 ist es inzwischen ruhiger geworden – die Vertriebenen auf thailändischer Seite sind zurück in ihren Dörfern, der Waffenstillstand hält. In Chanthaburi zieht das Militär gerade den ersten Abschnitt einer permanenten Grenzmauer hoch, 4,3 Meter hoch, Beton und Stacheldraht. Bilder wie aus einem anderen Jahrhundert.
Ruhiger heißt nicht normal. Die Landgrenzen bleiben zu, der Visa-Run über Aranyaprathet nach Poipet, den ich Anfang der 2010er noch selbst gefahren bin, funktioniert nicht mehr – nach Kambodscha kommt man nur noch per Flugzeug. Unser kambodschanisches Kindermädchen kann seit Monaten nicht zur Familie, sie zeigt mir Fotos ihrer Mutter, die sie zuletzt vor über einem Jahr gesehen hat. Der Streit ist weit weg von Chonburi, aber er sitzt bei uns am Küchentisch.
Das Steuer-Labyrinth: Die alte Trickkiste ist zu
Am schmerzhaftesten trifft mich, was seit ein paar Jahren im Steuerrecht gilt. Wer sich mindestens 180 Tage im Jahr in Thailand aufhält, ist hier steuerlich zu Hause. Und was ich aus dem Ausland an mein Konto überweisen lasse, muss ich neuerdings versteuern – egal, in welchem Jahr das Geld ursprünglich verdient wurde. Die alte Trickkiste, Einkünfte erst später zu überweisen und dabei steuerfrei durchzukommen, ist zu. Die Erklärung ans thailändische Finanzamt ist Pflicht, jedes Jahr, bis Ende März.
Die gute Nachricht: Bis zu einer bestimmten Höhe zahlt ein Rentner faktisch keinen Baht, weil sich Grundfreibetrag, Altersfreibetrag ab 65 und die Nullzone bis 150.000 Baht addieren. Die schlechte: Die Erklärung muss ich trotzdem einreichen, sonst gibt es Ärger. Wer die genauen Schwellen wissen will, ab wann Rentner aus dem deutschsprachigen Raum in Thailand tatsächlich zahlen müssen und ab wann nur die Erklärung ausreicht, findet das im Wochenblitz-Steuerratgeber für Rentner aus DACH.
Nachts wach: Was wenn sich die Regeln wieder ändern?
Was mich nachts wachhält, ist nicht die aktuelle Regel, sondern die nächste. Das globale Welteinkommensprinzip ist in Thailand seit Monaten im Gespräch, aber Stand heute nicht in Kraft. Wenn es kommt, wäre nicht mehr nur die Überweisung nach Thailand steuerpflichtig, sondern auch Geld, das auf einem deutschen Konto liegen bleibt. Ich frage mich, ob mein Setup dann noch trägt.
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Der zweite Punkt, der mich umtreibt, ist die Krankenversicherung. Mit über sechzig zahle ich für meinen Vertrag jedes Jahr spürbar mehr, das ist bei ausländischen Anbietern die Regel. Ab 75 wird es in Thailand richtig eng: Lokale Anbieter nehmen mich dann kaum noch neu auf, international bleiben eine Handvoll Adressen mit Jahresprämien im sechsstelligen Baht-Bereich. Das ist keine Panikmache, das ist die Rechnung, die jeder Auswanderer 60+ irgendwann aufmachen muss.
Der Blick über den Tellerrand: Malaysia, Vietnam, Singapur
Also lese ich abends nach, was die Nachbarländer bieten. Malaysia hat sein „Malaysia My Second Home“-Programm 2024 neu aufgelegt, mit drei Stufen – die Silber-Variante zielt auf Rentner und verlangt 150.000 US-Dollar Festgeld plus einen Immobilienkauf. Vietnam entwickelt sich rasant, hat eine wachsende deutschsprachige Szene in Da Nang und ist bei den Kosten noch nahe an dem, was Thailand vor zehn Jahren war. Singapur wäre die Musterlösung, aber für meine Alterskohorte finanziell nicht darstellbar.
Der Haken: Jedes dieser Länder hat seinen Preis. Malaysia verlangt in der Silber-Stufe einen Immobilienkauf, das bindet Kapital, und die Abwicklung läuft ausschließlich über lizenzierte Agenten. Vietnam hat gar kein Rentnervisum – wer dort dauerhaft leben will, hangelt sich mit 90-Tage-E-Visa und Grenzhopping durch, ein angekündigtes Golden Visa lässt auf sich warten. Und ehrlich: Ein internationaler Umzug mit über sechzig ist kein Wochenendprojekt, ich weiß, was es beim ersten Mal gekostet hat.
Was mich hier hält
Wenn ich rechne, bleibt Thailand knapp vorn. Nicht wegen der Politik, nicht wegen der Steuer, sondern wegen der zwölf Jahre, die ich hier verbracht habe. Ich weiß, welcher Som-Tam-Stand am Ende der Straße etwas taugt, welcher Tempel in Umgebung ruhig ist, welche Werkstatt meinen Motorroller nicht abzockt. Diese kleinen Gewissheiten aufzugeben, um in Penang oder Da Nang wieder bei null anzufangen, kostet mich mehr Überwindung, als die Steuerreform an Baht.
Meine thailändische Frau will ohnehin nicht weg, meine Schwiegereltern schon gar nicht. Wer in eine Familie eingeheiratet hat, zieht nicht einfach über die Grenze, weil das Finanzamt strenger geworden ist. Und der Grenzstreit mit Kambodscha ist real, aber die Bilder der Panzer sind vom Isaan-Grenzgebiet, nicht aus Chonburi. Der Alltag hier läuft weiter, auch wenn die Schlagzeilen etwas anderes suggerieren.
Der Traum ist vorbei, das Land ist geblieben
Was mir klar geworden ist: Der Traum, mit dem ich hergekommen bin, war eine Erwartung. Ein Bild aus Reiseführern und Foren, das mit dem echten Thailand nicht viel zu tun hatte. Das echte Thailand ist komplizierter, teurer und politisch unberechenbarer als die Broschüre. Es ist aber auch das Land, in dem meine Frau wohnt, meine Nachbarn mich grüßen und der Reis nach Regen riecht.
Ich glaube nicht mehr an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich glaube an ein Land, in dem ich meine Rechnungen kenne, meine Nachbarn und meine Grenzen. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Auswanderer sein und angekommen sein. Für dieses Jahr bleibe ich. Nächstes Jahr rechne ich neu.
Redaktionelle Hinweise
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Dies ist ein Gastbeitrag. Der Text gibt die persönliche Sicht des Autors wieder und ist keine Steuer-, Rechts- oder Auswanderungsberatung. Konkrete Fragen zur Steuerpflicht in Thailand oder zu den Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland, Österreich oder der Schweiz gehören zu einem Steuerberater mit Thailand-Kompetenz oder zum Revenue Department.

Wenn man weiß in welche Int. Länder man ausweichen kann und abwägen ob man Thailands dransalieren weiter mitmacht oder in ein Ziviliserteres Land zieht wo auch die Lebenshaltungskosten gut Stemmbar sind dann ganz klar für den Neuanfang. So wie ich, ich werde TH auch innert 2Jahre verlassen.
Na dann hoffen wir mal, dass Thailand diesen Riesenverlust stemmen kann.