Seit mehr als dreißig Jahren lebe ich in Thailand, und bei jedem Besuch in Deutschland werde ich gefragt, ob das Land wirklich so schön ist oder ob ich mir da etwas einrede. Eine berechtigte Frage, auf die ich ehrlich antworten will. Thailand hat Probleme, und ich verschweige keines: den Straßenverkehr, die Behörden, die Luft im Norden, die Löhne. Ich gehe sie der Reihe nach durch und sage dann, wie ich sie wiege.
Bangkok glänzt, doch das Bild ist komplizierter
Wer in Bangkok landet, sieht Einkaufszentren, Hochhäuser und Hochbahnen. Die Stadt wirkt wie Singapur oder Hongkong. Das ist ein Teil der Wahrheit, mehr nicht. Außerhalb der Hauptstadt sieht es oft anders aus: weniger Einkommen, einfachere Ausstattung, andere Sorgen. Zwischen Stadt und Land liegt in Thailand ein weiter Weg.
In Expat-Foren verfolge ich seit Jahren dieselbe Debatte: Was braucht Thailand, um mit Japan oder Südkorea mitzuhalten? Wer so fragt, kritisiert nicht aus Ärger, sondern weil er das Land mag. Als Expat müssen Sie ohnehin nicht im abgelegenen Dorf wohnen. Chiang Mai oder Hua Hin bieten Stadtkomfort mit mehr Ruhe.
Thailand wächst langsam, Vietnam zieht davon
Thailand steckt in der sogenannten Falle des mittleren Einkommens. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft nur um 1,9 Prozent, das schwächste Ergebnis unter den großen ASEAN-Ländern. Für das ganze Jahr erwartet die staatliche Planungsbehörde gut zwei Prozent. Vietnam kam im ersten Halbjahr auf mehr als acht Prozent.
Ein Euro kostet derzeit etwa 38 Baht. Der Baht ist weder schwach noch stark, in diesem Jahr schwankte er zwischen gut 36 und knapp 39 je Euro. Auch der Tourismus schwächelt: In den ersten fünf Monaten kamen gut zwei Prozent weniger Gäste als im Vorjahr. Ihr europäisches Einkommen reicht hier trotzdem weiter als zu Hause.
Gelassenheit statt Leistungsdruck
Japan steht für Pünktlichkeit, Effizienz und Leistungsdruck. Thailand steht für Mai Pen Rai, den Satz für „macht nichts“. Beides hat seine Berechtigung. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem alles läuft wie ein Uhrwerk und die Lebensfreude auf der Strecke bleibt. Viele Thailänder fürchten, dass eine Modernisierung nach japanischem oder deutschem Vorbild genau das kostet.
Zur Gelassenheit gehört die Gesichtswahrung. Direkte Kritik gilt schnell als persönlicher Angriff, und das erschwert die offene Fehleranalyse, die jede moderne Wirtschaft braucht. Im Alltag erleben Sie die andere Seite: Sie werden selten angeschrien und fast nie unhöflich behandelt. Wer seine Kritik freundlich verpackt, kommt weit.
Verkehrssicherheit gehört zu den größten Herausforderungen
Thailand liegt laut Weltgesundheitsorganisation auf Platz neun von 175 Ländern bei den Verkehrstoten: 25,4 pro 100.000 Einwohner, im Schnitt rund 50 Tote am Tag. Mehr als 80 Prozent der Opfer fahren Motorrad. Regeln werden oft missachtet und selten durchgesetzt. In Europa liegt die Rate deutlich niedriger.
Mein Rat: Fahren Sie defensiv, rechnen Sie mit allem und meiden Sie Nachtfahrten, vor allem auf dem Motorrad. Ich fahre seit Jahren hier und hatte nie einen Unfall, weil ich mich angepasst habe. Das ist kein Freibrief. Aber mit der nötigen Vorsicht lässt sich auf Thailands Straßen gut leben.
Korruption, Behörden und Recht im Alltag
Im Korruptionsindex von Transparency International kommt Thailand auf 33 von 100 Punkten und liegt auf Rang 116 von 182 Ländern. Ein Jahr zuvor waren es 34 Punkte und Rang 107. Auch das Recht wird nicht immer gleich angewendet: Wer Geld und Einfluss hat, scheint manchmal besser davonzukommen. Für Investoren ist das ein echtes Hindernis.
Im Alltag spüre ich davon wenig. Ich musste noch nie Bestechungsgeld zahlen, und meine Visa-Verlängerungen habe ich immer bekommen. Die Verwaltung ist papierlastig und streng gegliedert, manches dauert länger. Mit Geduld und einem guten Visa-Agenten oder Anwalt klappt es am Ende. Wer sich an die Regeln hält, wird in Ruhe gelassen.
Bildung und Fachkräfte
Die staatlichen Schulen setzen stark auf Auswendiglernen. Bei der internationalen Schulstudie PISA erreichten thailändische Schüler zuletzt Platz 58 in Mathematik und Naturwissenschaften und Platz 64 im Lesen, von 81 Ländern. Das war ihr schlechtestes Ergebnis seit der ersten Teilnahme.
Für ausländische Familien gibt es internationale Schulen in vielen größeren Städten. Sie kosten Geld: In Bangkok beginnen die Gebühren bei rund 500.000 Baht im Jahr, das sind gut 13.000 Euro. Das Bildungsproblem betrifft also vor allem das staatliche System und weniger die Kinder von Expats.
Luftverschmutzung im Norden
Von Februar bis April werden im Norden Felder und Wälder abgebrannt, und der Rauch bleibt im Tal von Chiang Mai hängen. Im März und April stand die Stadt mehrere Tage in Folge an der Spitze der weltweiten Rangliste der schlechtesten Luft. An manchen Messpunkten stieg der Feinstaub über 400 Mikrogramm je Kubikmeter, ein Mehrfaches des gesundheitlich Unbedenklichen.
Sie können für diese Wochen an die Küste oder in den Süden reisen, und viele Expats machen genau das. Wer in Chiang Mai bleibt, braucht einen Luftreiniger und sollte die Werte täglich prüfen. Ein Land, das sich entwickelt nennt, sollte dieses Problem besser in den Griff bekommen.
Preise, Löhne und soziale Ungleichheit
Die Preise steigen, der Mindestlohn blieb zuletzt unverändert. Er liegt je nach Provinz zwischen 337 und 400 Baht am Tag, das sind gut 8.700 bis 10.400 Baht im Monat. Im Schnitt verdienen Beschäftigte etwa 15.700 Baht brutto. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß, Preise wie in München oder Tokio könnten sich die meisten Thailänder nicht leisten.
Mit europäischer Rente oder europäischem Einkommen gehören Sie hier automatisch zu den Kaufkräftigen. Für ein bequemes Leben als Alleinstehender sollten Sie in Bangkok mit 70.000 bis 90.000 Baht im Monat rechnen, das sind etwa 1.800 bis 2.400 Euro. Mit weniger wird es dort schnell knapp. In Chiang Mai kostet dasselbe Leben deutlich weniger.
Die Gesellschaft altert, die Krankenhäuser sind gut
Thailand altert, bevor es wohlhabend geworden ist. Mehr als jeder Fünfte ist über sechzig, und Frauen bekommen im Schnitt nur noch rund ein Kind. Künftig fehlen junge Arbeitskräfte, die das Sozialsystem tragen. Das Land steht vor einer Aufgabe, für die es noch keine Lösung hat.
Für Sie zählt etwas anderes: die privaten Krankenhäuser in Bangkok und den großen Städten. Sie haben internationalen Ruf und kosten deutlich weniger als vergleichbare Kliniken in Europa. Eine Krankenversicherung brauchen Sie trotzdem. Ohne Schutz kann auch hier eine schwere Krankheit teuer werden.
Warum viele Europäer trotzdem bleiben
Politisch ging es zuletzt turbulent zu: Das Verfassungsgericht entließ kurz nacheinander zwei Regierungschefs, im Februar wurde neu gewählt, seit März führt Anutin Charnvirakul die neue Regierung. Für Ihren Alltag bleibt das meist ohne Folgen, solange Sie sich aus der Politik heraushalten. Viele junge Thailänder fordern Reformen, das macht mir Hoffnung.
Thailand muss weder Japan noch Deutschland kopieren, es kann einen eigenen Weg gehen. Ein Wirtschaftswunder erwarte ich nicht so bald. Ich wache trotzdem jeden Morgen bei Sonnenschein auf, frühstücke auf meiner Terrasse, fühle mich sicher und bin gesünder als je zuvor. Von der Perfektion und Effizienz in Europa wollte ich weg. Nirgendwo sonst möchte ich leben.
Redaktionelle Hinweise
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Die Angaben entsprechen dem Stand von Oktober. Verkehrstote und Korruptionsindex stammen aus den jüngsten Veröffentlichungen der Weltgesundheitsorganisation und von Transparency International. Euro-Beträge sind mit etwa 38 Baht je Euro umgerechnet, aktuelle Luftwerte für Chiang Mai veröffentlicht das thailändische Pollution Control Department.

Die meisten Probleme betreffen ausschließlich Thai Buerger. Ich wohne in Chonburi, gute Luft, gute Infrastruktur. Bleibt alles so, dann sollte ich und auch alle andere Kommentatoren zufrieden sein. Du auch Ooskar??