Chuchart Srithachum ist 62, wohnt im Isaan und hat kein rechtes Bein mehr. Er hat es nicht bei einem Unfall verloren, sondern bei der Arbeit. Barfuß stand er in seinem eigenen überfluteten Reisfeld in Nong Bua Lamphu, als er einen grünlichen Schimmer im Wasser sah. Ein paar Stunden später brannte die Haut. Ein paar Wochen später fehlte das Bein.
Das war 2017. Sein Fall ist einer von damals mehr als fünfzig ähnlichen in den Zuckerrohrgebieten Nordostthailands, dokumentiert von der Verbraucherorganisation aus Khon Kaen. Er ist auch einer der Gründe, warum Bangkok im Juni 2020 das Herbizid Paraquat verboten hat. Fünf Jahre später ist er trotzdem nicht der letzte Kranke. Er ist nur der bekannteste.
Der Bauer ohne Bein
Paraquat wirkt schnell, tötet Unkraut zuverlässig und ist billig. Es wirkt auch auf Menschen. Wer es schluckt, stirbt. Wer es einatmet, riskiert die Lunge. Wer es über die Haut aufnimmt, bekommt Verätzungen – und über die Wunden dringt eine Bakterienart ein, die Ärzte in Thailands Nordosten als «fleischfressend» kennen. Nekrotisierende Fasziitis, medizinisch dokumentiert, mit Todesfällen und Amputationen belegt.
Chucharts Beispiel steht bei der Umweltplattform Dialogue Earth, die den Fall im Juli 2026 nachrecherchiert hat. Er lebt vom Geld seines Sohnes und einer Behindertenrente. Sein Nachbar Bunrod Yodda hat ebenfalls ein Bein verloren – Paraquat aus einer Zuckerrohrpflanzung war in den Teich gespült worden, in dem er Garnelen fing. Ein dritter, Natthanan Photiwong, kam mit einem geretteten Bein davon. Aber er selbst sprüht seither nichts mehr. Er lässt jemanden anderen sprühen.
Was Bangkok 2020 verboten hat – und was nicht
Zum 1. Juni 2020 stufte das Industrieministerium Paraquat und das Insektizid Chlorpyrifos als Gefahrstoffe der Kategorie 4 ein. Das ist in Thailand die höchste Stufe: Herstellung, Import, Verkauf, Nutzung, Besitz – alles verboten, alles strafbar. Für die Lebensmittelbehörde FDA gilt seither Nulltoleranz auch bei Importware. Auf dem Papier ein Meilenstein.
Auf dem Papier. Denn das dritte Herbizid, um das ursprünglich gestritten wurde, überlebte den Reformschub. Glyphosat, jenes Mittel, das die WHO-Krebsforschungsagentur IARC 2015 als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft hatte, blieb erlaubt. Reuters dokumentierte 2020, wie die US-Regierung und der Hersteller Bayer die Regierung in Bangkok bearbeiteten, bis das Verbot gekippt war. Heute läuft Glyphosat als Kategorie-3-Stoff mit Lizenzpflicht weiter – rechtlich eingeschränkt, praktisch überall.
68 Prozent über der Grenze
Ende 2024 kaufte das Thailand Pesticide Alert Network Thai-PAN 85 Proben Obst auf Märkten und in Supermärkten in zwölf Provinzen, darunter Bangkok, Chiang Mai und Rayong. Äpfel, Drachenfrucht, Guaven, Jujuben, Orangen. Ein akkreditiertes Labor testete auf 419 Wirkstoffe. Ergebnis: 68 Prozent der Proben lagen über den gesetzlich zulässigen Rückstandshöchstwerten. Der Bangkok Post veröffentlichte den Befund am 28. Dezember 2024.
Am häufigsten fand das Labor Carbendazim. Ein Fungizid, das in vielen Ländern verboten ist, in Thailand aber weiter breit eingesetzt wird. Prokchon Ousap, Koordinatorin von Thai-PAN, sagte gegenüber Dialogue Earth, das Mittel stehe unter Verdacht, die Spermienzahl bei Männern zu senken. Man habe es «in fast jeder belasteten Probe» nachgewiesen. Auch die als «restriktiert» eingestuften Stoffe Chlorfenapyr und Fipronil waren dabei – in Konzentrationen, die eigentlich niemand mehr essen sollte.
230 Nachfolger für zwei Verbotene
Wer zwei Wirkstoffe verbietet, öffnet den Markt für die anderen. Thai-PAN zählt nach eigenen Angaben über 230 weitere zugelassene Agrarchemikalien im Land. Manche davon tauchen inzwischen unter dem alten, verbotenen Markennamen auf, um Bauern zu erreichen, die den Unterschied nicht kennen. Dialogue Earth fotografierte im November 2025 in einer Shopping-App ein Angebot, das mit «Paraquat» beworben wurde – tatsächlich verkauft wurde ein anderes Mittel namens Diquat-Dibromid.
Neu ist auch die Verteilart. In den letzten Jahren haben sich Sprühdrohnen rasant ausgebreitet, oft betrieben von Dienstleistern, die im Auftrag der Bauern kommen. Zwei Männer, T-Shirts um den Kopf gewickelt, mischen Düngerbrühe und Insektizid in einen Tank und lassen die Drohne kreisen. Der Nebel trifft nicht nur das Feld, für das er gedacht ist. Er treibt weiter. Auf Nachbarparzellen, in Gärten, in offene Wasserflächen.
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Zuckerrohr, Schulden, Zwang
Rund 45 Prozent der thailändischen Zuckerrohrernte kommen aus dem Isaan, dem armen Nordosten. 70 Prozent davon werden auf Flächen unter zehn Hektar angebaut, meist von Kleinbauern unter Vertrag mit den Zuckermühlen. Das Modell funktioniert nur, wenn die Kosten unten bleiben – und Kosten heißt vor allem: Arbeitskraft. Wer keinen findet, der einen Tag lang von Hand jätet, sprüht.
Prokchon Ousap nennt es einen «Teufelskreis aus Schulden und Chemie». Die Böden sind nach Jahrzehnten Chemieeinsatz erschöpft, also brauchen die Bauern mehr Dünger. Für den Dünger nehmen sie Kredite auf. Um die Kredite zurückzuzahlen, brauchen sie einen sicheren Ertrag – der wieder nur mit Chemie kommt. Bio-Anbau wäre eine Alternative, aber sie ist teuer, und der Staat fördert sie nicht. Wer in Nong Bua Lamphu Reis für den eigenen Teller anbaut, spritzt weniger. Was ins Ausland geht, wird durchgezogen.
Wer sich freikaufen kann
In Nonthaburi, einer Fahrstunde nördlich von Bangkok, betreibt Krisana Tamvimol seit 2021 die Hydroponik-Farm DiStar Fresh. 400 Quadratmeter, geschlossenes System, Wasser statt Erde. Nach seinen Angaben produziert die Halle so viel Blattgemüse wie sechseinhalb Hektar Freiland. Er nennt sein Produkt «über Bio hinaus» und verkauft an ein bis zweitausend Stammkunden – zahlungskräftige Städter, die den Aufpreis akzeptieren. Ein zweiter Standort ist in Planung.
Für Reis und Zuckerrohr taugt das Modell nicht. Eine Hydroponik-Anlage in der Größe von 3,2 Hektar kostet etwa 20 Millionen Baht, sagt Tamvimol. Das entscheidet, wer sich vor Pestizidrückständen schützen kann und wer nicht. Für den durchschnittlichen Kunden auf dem Markt in Pattaya, Hua Hin oder Chiang Mai bleibt: Schälen, mit Essig und Backpulver einweichen, gründlich spülen. Und den Verkäufer nach der Herkunft fragen. Das ist keine Lösung. Es ist eine Notmaßnahme, fünf Jahre nach dem großen Verbot, das keines geblieben ist.
Anmerkung der Redaktion
Grundlage dieses Beitrags ist die Reportage «Heavily reliant on pesticides, Thai agriculture is trapped in a vicious cycle» von Pratch Rujivanarom, erschienen am 20. Juli 2026 auf Dialogue Earth. Angaben zu Fallzahlen und Personen stammen aus dieser Recherche und wurden gegen Bangkok Post (28.12.2024), USDA FAS und die Royal Gazette vom 20.05.2020 geprüft.
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