BANGKOK/LONDON – Der sich entwickelnde El Niño im tropischen Pazifik könnte laut dem britischen Wetterdienst der stärkste seit mehr als 100 Jahren werden. Zusammen mit der menschengemachten Erderwärmung könnte das Jahr 2027 zum heißesten Jahr seit Beginn der weltweiten Aufzeichnungen im Jahr 1850 werden.
Pazifik: El Niño könnte neue Stärke erreichen
Der britische Wetterdienst erwartet, dass die Meeresoberflächentemperaturen im Pazifik auf mehr als 3 Grad über den Durchschnitt steigen könnten. Das läge deutlich über den Werten, die normalerweise mit einem starken El Niño verbunden sind.
Professor Adam Scaife, Leiter der Langzeitprognosen, bezeichnete das Signal in den Vorhersagemodellen als beispiellos in seiner beruflichen Erfahrung. Die endgültige Stärke bleibt laut Wetterdienst jedoch unsicher.
NOAA sieht hohe Wahrscheinlichkeit für Rekord-Ereignis
Das Klimavorhersagezentrum der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA meldete am 13. August, dass sich El Niño verstärkt. Im östlichen äquatorialen Pazifik lagen die Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur bereits bei mehr als 2 Grad.
Für einen sehr starken El Niño im Herbst und Winter der Nordhalbkugel 2026/27 veranschlagte NOAA die Wahrscheinlichkeit auf mehr als 90 Prozent. Die Chance, dass der Durchschnitt von Oktober bis Dezember die Schwelle für ein historisches Ereignis überschreitet, wurde mit 69 Prozent angegeben.Die WMO prognostiziert für August bis Oktober in wichtigen Messgebieten etwa 2,9 Grad über dem Durchschnitt; der Höhepunkt wird im November erwartet.Das wäre stärker als frühere El-Niño-Ereignisse in Aufzeichnungen seit 1950.
Wärme unter der Pazifikoberfläche nimmt zu
El Niño entsteht, wenn die Passatwinde entlang des Äquators schwächer werden oder ihre Richtung ändern. Dadurch strömt warmes Oberflächenwasser nach Osten, während vor Südamerika weniger kaltes Tiefenwasser nach oben gelangt.Das Meer gibt dadurch mehr Wärme an die Atmosphäre ab, verändert die atmosphärische Zirkulation, Sturmzüge sowie weit entfernte Temperatur- und Niederschlagsmuster.
Unter der Meeresoberfläche hat sich im äquatorialen Pazifik ein großer Bereich ungewöhnlich warmen Wassers gebildet. NOAA registrierte in Teilen des äquatorialen Pazifiks in der Tiefe Temperaturabweichungen von bis zu 10 Grad über dem Durchschnitt.
Modelle rechnen mit außergewöhnlichem Höhepunkt
Der Klimawissenschaftler Zeke Hausfather wertete 667 Berechnungen aus 14 saisonalen Vorhersagesystemen aus. Der mittlere Wert der Modelle lag beim Höhepunkt des Ereignisses bei rund 3,6 Grad über dem Durchschnitt.Hausfather betonte, dass die Modelle bislang nie an einem El Niño dieser Größenordnung getestet worden seien; die Übereinstimmung der Prognosen garantiere daher nicht das extremste Szenario.
Nach der herkömmlichen Messung für das Gebiet Niño 3.4 lag die Wahrscheinlichkeit für einen neuen Rekord bei etwa 91 Prozent. Beim von NOAA verwendeten Index, der die allgemeine Erwärmung der tropischen Meere berücksichtigt, sank sie auf rund 77 Prozent.
Weltweit drohen veränderte Regenmuster
Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet trockenere Bedingungen auf dem indischen Subkontinent, in Süd- und Ostaustralien, Teilen Mittelamerikas und der Karibik sowie im Nordwesten Südamerikas. In diesen Regionen kann der Druck auf Landwirtschaft und Wasserversorgung steigen.
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Mehr Regen wird am Horn von Afrika, in Südeuropa, Teilen Zentralasiens, im Westen Nordamerikas und im Südosten Südamerikas erwartet. Ein positiver Dipol im Indischen Ozean könnte die Risiken durch Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände rund um das Becken verstärken.
Australien und Amerika mit höherem Risiko
Für Australien rechnen die Vorhersagen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für trockene Bedingungen und schwere Buschbrände. Teile Südamerikas und der Süden der USA könnten dagegen mehr Regen und Überschwemmungen erleben.
In Südasien kann ein schwächerer oder unregelmäßiger Monsun das Dürrerisiko erhöhen und die landwirtschaftliche Produktion sowie die Wasserversorgung belasten. Die Fachleute weisen zugleich darauf hin, dass sich jeder El Niño anders entwickelt und typische Folgen nicht überall eintreten müssen.
Atlantik: Weniger Hurrikans möglich
El Niño verstärkt normalerweise die vertikale Windscherung über dem Atlantik. Das erschwert die Bildung und Entwicklung tropischer Stürme und Hurrikans.
NOAA gab für die Hurrikansaison 2026 im Atlantik eine Wahrscheinlichkeit von 55 Prozent für eine unterdurchschnittliche Aktivität an. Als ein Grund gilt der stärker werdende El Niño.
Europa: Mehr Regen und Stürme im Herbst möglich
Die Auswirkungen auf Großbritannien und Westeuropa sind meist weniger direkt als in den Tropen. Der britische Wetterdienst erwartet im Herbst und frühen Winter jedoch häufiger nasse, windige und wechselhafte Bedingungen.
Der November gilt als Zeitraum, in dem Regen und Sturmtätigkeit zunehmen könnten. Später im Winter sind in Großbritannien auch kältere und ruhigere Wetterlagen möglich, wobei weitere Klimafaktoren den Verlauf beeinflussen.
22 Länder sollen vor Folgen geschützt werden
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und das Welternährungsprogramm warnen vor Folgen für Aussaat, Wachstumsphasen, Ernten, Weideland und die Wasserversorgung. Je nach Region drohen Dürren oder mehr Überschwemmungen und Stürme.Die Organisationen warnten zudem vor zusätzlichem Druck durch Konflikte, Vertreibung, wirtschaftliche Instabilität und bereits bestehende Ernährungsunsicherheit.
Beide Organisationen starteten einen Aufruf über 202 Millionen US-Dollar für vorbeugende Maßnahmen. Damit sollen 8,8 Millionen Menschen in 22 gefährdeten Ländern Afrikas, Asiens, des Pazifiks, Lateinamerikas und der Karibik geschützt werden.
2027 könnte den globalen Hitzerekord brechen
Die stärksten Auswirkungen eines El Niño auf die globale Durchschnittstemperatur zeigen sich oft im Kalenderjahr nach dem winterlichen Höhepunkt. Der Met-Office-Wissenschaftler Nick Dunstone erwartet deshalb, dass 2027 wärmer werden könnte als 2024, das derzeit den globalen Jahresrekord hält.
Nach seinen Angaben könnte der weltweite Jahresdurchschnitt vorübergehend erneut mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Die zusätzliche Wärme durch El Niño kommt zur langfristigen Erwärmung durch Treibhausgasemissionen aus menschlicher Aktivität hinzu.
Prognosen bleiben Wahrscheinlichkeiten
Die Weltorganisation für Meteorologie und NOAA weisen darauf hin, dass saisonale Vorhersagen keine Gewissheiten darstellen. Auch ein außergewöhnlich starker El Niño führt nicht an jedem Ort zu den typischen Wetterfolgen.
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Wie stark das Ereignis tatsächlich wird und welche Regionen besonders betroffen sind, soll sich mit dem näher rückenden erwarteten Höhepunkt zum Jahresende genauer zeigen.

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