Schweizer gründet Alzheimer-WG in Thailand – seit 23 Jahren

Nach dem Tod seines Vaters brachte Martin Woodtli seine demenzkranke Mutter nach Chiang Mai. Aus dem Experiment wurde eine Einrichtung, die bis heute Gäste aus der DACH-Region betreut.

Schweizer gründet Alzheimer-WG in Thailand – seit 23 Jahren
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Ein Schweizer brachte seine demenzkranke Mutter nach Chiang Mai und baute dort eine Pflege-WG auf, die heute Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz betreut. Die monatlichen Kosten liegen bei einem Bruchteil dessen, was Pflegeheime in der DACH-Region verlangen.

Martin Woodtli gründete 2003 die Einrichtung Baan Kamlangchay im Dorf Faham am Stadtrand von Chiang Mai. Was als persönliches Experiment begann, wurde zu einem Modell, das inzwischen auch in der Forschung Beachtung findet.

Vom Familienunglück zur Idee

Als Woodtlis Mutter an Alzheimer erkrankte, übernahm zunächst der Vater die Pflege. Die Belastung wurde zu gross: Er nahm sich 2002 das Leben. Woodtli stand allein vor der Aufgabe, eine geeignete Betreuung zu finden, und war mit den Angeboten in der Schweiz unzufrieden.

In den 1990er Jahren hatte er vier Jahre lang für Ärzte ohne Grenzen in Chiang Mai gearbeitet und kannte die thailändische Kultur des Respekts gegenüber älteren Menschen. 2003 reiste er mit seiner Mutter nach Thailand, stellte über örtliche Krankenhäuser drei Pflegekräfte ein und investierte das Erbe seines Vaters in den Aufbau der Einrichtung.

Drei Betreuerinnen pro Gast, rund um die Uhr

Jeder Gast in Baan Kamlangchay wird von einem festen Team aus drei Pflegekräften betreut, die sich in Acht-Stunden-Schichten abwechseln. Nachts schläft eine Betreuerin im selben Zimmer. Dieses Modell schafft eine Nähe, die in europäischen Einrichtungen mit ihrem typischen Betreuungsschlüssel kaum umsetzbar wäre.

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Die Pflegekräfte sprechen in der Regel kein Deutsch. Woodtli sieht darin keinen Nachteil, weil bei fortgeschrittener Demenz Körperkontakt, Blicke und Gesten wichtiger seien als verbale Kommunikation. Im Jahr 2003 begleitete der Schweizer Filmemacher Christoph Müller die Anfänge mit der Kamera. Der Dokumentarfilm wurde 2006 ausgestrahlt und brachte die ersten Anfragen von Familien aus der Schweiz und Deutschland.

Ein Dorf statt einer Klinik

Baan Kamlangchay besteht aus neun Wohnhäusern, verteilt in einem thailändischen Dorf. Bis zu 14 Gäste mit Alzheimer oder anderen Demenzformen leben dort zusammen mit ihren Betreuerinnen. Ein gemeinsamer Essbereich, ein Pool und ein kleiner Dorfladen sorgen für täglichen Kontakt mit der thailändischen Nachbarschaft.

Woodtli betreibt die Einrichtung gemeinsam mit seiner thailändischen Frau Areewan. Medizinisches Personal gibt es vor Ort nicht. Bei Bedarf greifen die Gäste auf die Privatkliniken in Chiang Mai zurück, die wenige Kilometer entfernt liegen.

3.800 Franken im Monat statt 90.000 im Jahr

Die monatliche Pauschale in Baan Kamlangchay liegt bei 3.800 Schweizer Franken und deckt Unterkunft, Verpflegung und 24-Stunden-Betreuung ab. In der Schweiz kostet die Betreuung eines Demenzkranken im Pflegeheim laut Alzheimer Schweiz rund 89.756 Franken pro Jahr. In den USA liegt der Durchschnitt laut einer 2024 veröffentlichten Erhebung bei 112.420 US-Dollar jährlich.

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Auch in Deutschland und Österreich übersteigen die Eigenanteile für stationäre Pflege oft 2.500 bis 3.000 Euro monatlich. Die DACH-Pflegeversicherungen zahlen bei dauerhaftem Aufenthalt in Thailand nichts. Wer sein Familienmitglied nach Chiang Mai bringt, muss die gesamten Kosten privat tragen.

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Forscher beobachten wachsenden Trend

Caleb Johnston, Senior Lecturer für Humangeographie an der Newcastle University, untersucht seit Jahren die Verlagerung von Demenzpflege nach Thailand. In einer 2022 veröffentlichten Studie beschreibt er, wie niedrige Kosten, ein grosses Angebot an Pflegekräften und ein wachsender privater Markt internationale Familien anziehen.

Johnston weist aber auch auf die Kehrseiten hin: Die Distanz zu alten Freunden und sozialen Netzen im Heimatland sei für viele Betroffene und Angehörige eine Belastung. Ausserdem entziehe die private Pflegebranche dem thailändischen Gesundheitssystem Fachkräfte.

Eine Tochter aus Deutschland zieht Bilanz

Anke Blomberg brachte ihre Mutter Gerda vor acht Jahren nach Baan Kamlangchay. In deutschen Pflegeeinrichtungen hatte sie nur unpersönliche Betreuung erlebt. Nach einem einmonatigen Probeaufenthalt in Chiang Mai fiel die Entscheidung. Blomberg besucht ihre Mutter seither zweimal jährlich.

Woodtlis eigene Mutter lebte bis zu ihrem Tod 2006 in Baan Kamlangchay. Die meisten Gäste bleiben über Jahre und verbringen dort ihren Lebensabend. Seit der Gründung hat die Einrichtung laut eigenen Angaben rund 70 Gäste aufgenommen.

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Quelle: AseanNow Thailand

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