BANGKOK – Zwei tote Antragsteller, über neun Millionen abgelehnte Menschen und eine Regierung unter Druck: Thailands Wohlfahrtskartenprogramm steht vor einem Scherbenhaufen. Nach wochenlanger Kritik plant das Finanzministerium jetzt weitreichende Lockerungen.
Neue Regeln für alte Autos und Motorräder
Das Finanzministerium will am 27. Juli die Kabinettsgenehmigung für überarbeitete Anspruchsregeln einholen. Fahrzeuge, die älter als 20 Jahre sind, und Motorräder, die älter als 15 Jahre sind, sollen nicht mehr zur automatischen Disqualifikation führen.
Auch wer sein Fahrzeug ohne formelle Eigentumsübertragung verkauft hat oder wessen Name ohne Zustimmung für eine Zulassung verwendet wurde, soll eine erneute Prüfung beantragen können. Die Einspruchsfrist wird voraussichtlich bis zum 31. August verlängert.
Allein, krank und ohne Hilfe
Für die 77-jährige Wimol Suanngam aus der Provinz Surin ist die staatliche Sozialhilfekarte mehr als Geld. Sie bedeutet ein Stück Sicherheit in einem Leben, das von Behinderung und Isolation geprägt ist.
Sie reichte wiederholt Dokumente ein, ließ sich von lokalen Beamten registrieren – doch ihr Name tauchte in keiner Datenbank auf. In einer Bankfiliale fand man keine Spur ihres Antrags und riet ihr, es einfach beim nächsten Mal wieder zu versuchen.
Von 13 Millionen auf 9,5 Millionen gekürzt
Das Wohlfahrtskartenprogramm läuft seit 2017 und wurde unter der Regierung von General Prayut Chan-o-cha eingeführt. Es zahlt monatlich 300 Baht für lebensnotwendige Güter sowie Rabatte auf Gas, Strom, Wasser und öffentliche Verkehrsmittel.
In diesem Jahr verschärfte die Regierung die Kriterien drastisch. Von 18,82 Millionen Antragstellern qualifizierten sich nur 9,51 Millionen – deutlich weniger als die 13 Millionen Menschen, die zuvor Leistungen bezogen. Die jährlichen Kosten übersteigen 50 Milliarden Baht.
Warum 41 Prozent abgelehnt wurden
Der häufigste Ablehnungsgrund ist Fahrzeugbesitz, der 41 Prozent der erfolglosen Anträge ausmacht. Dahinter folgen ausstehende Kredite über 100.000 Baht.
Viele Betroffene sagen, die Regeln hätten mit ihrem Alltag nichts zu tun. Ihre alten Pick-ups und Motorräder seien Arbeitsgeräte für Landwirtschaft und Transport, die Kredite dienten dem Hausbau oder der Ausbildung der Kinder.
„Armut ist schwerer zu erkennen, als die Leute denken“
Somchai Jitsuchon, Forschungsdirektor am Thailand Development Research Institute, hält die Kriterien für wirklichkeitsfremd. Eine Haushälterin könne genug sparen, um Gold zu kaufen oder einen Pick-up zu besitzen, ohne dass das automatisch bedeute, sie sei nicht arm.
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Straßenverkäufer seien ein noch größeres Problem für die Behörden. Der Staat wisse nicht, was sie verdienen, welche Kosten sie haben oder ob sie Gewinn machen – manchmal wüssten das nicht einmal die Verkäufer selbst.
„Ein Fahrzeug sollte nicht automatisch bedeuten, dass jemand nicht arm ist“
Somchai fordert, die nationalen Datenbanken durch lokale Überprüfungen zu ergänzen. Dorfvorsteher, Gesundheitshelfer und lokale Verwaltungen wüssten genau, wer in ihrer Gemeinde wirklich Hilfe brauche.
Einige Antragsteller hätten Fahrzeuge auf ihren Namen zugelassen, die sie gar nicht mehr besäßen. Andere seien auf jahrzehntealte Pick-ups angewiesen, die kaum noch etwas wert, aber für den Lebensunterhalt unverzichtbar seien.
„Diese Regeln kamen aus der Fantasie, nicht aus der Realität“
Varakorn Samakoses, Wirtschaftswissenschaftler und Präsident der Dhurakij Pundit University, wird noch deutlicher. Frühere Auswahlregeln hätten schlicht unterstellt, arme Menschen dürften keine Fahrzeuge besitzen.
Dabei brauchten sie alte Motorräder gerade zum Arbeiten. Die ärmsten Menschen seien zudem oft nicht in der Lage, sich durch behördliche Verfahren zu kämpfen – manche trauten sich nicht einmal in die Bezirksämter, weil sie Probleme mit ihren Dokumenten fürchteten.
Zwei Tote nach vergeblichen Fahrten
In der Provinz Nan reiste die 65-jährige Ngao aus einem Bergdorf im Bezirk Pua zu einer Bankfiliale, um Einspruch einzulegen. Sie wartete vom Nachmittag bis zum Abend, brach vor der Bank zusammen und starb im Krankenhaus.
Ihre Schwester Amphai sagt, die Familie sei am Boden zerstört. Sie will, dass die Regierung Verfahren überdenkt, die ältere Menschen in abgelegenen Gebieten zusätzlich belasten. In Phetchabun starb eine weitere ältere Frau bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg, um ihren Sozialhilfestatus anzufechten.
Premierminister befiehlt mobile Teams
Nach den Todesfällen wies Premierminister Anutin Charnvirakul die Behörden zu einem radikalen Kurswechsel an. Regierungsstellen sollten nicht länger darauf warten, dass Menschen zu ihnen reisen – sie müssten in die Gemeinden gehen und Fälle direkt prüfen.
Das Innenministerium eröffnete One-Stop-Service-Zentren in Bezirksämtern und schickte mobile Teams los. Sie sollen ältere Menschen, Behinderte und bettlägerige Patienten bei Einsprüchen und Dokumentenprüfungen unterstützen. Dorfvorsteher und Bezirkschefs überprüfen abgelehnte Anträge jetzt vor Ort.
Über 100.000 Einsprüche in einer Woche
Das Department of Land Transport erlaubt abgelehnten Antragstellern, ihre Fahrzeugzulassungsunterlagen kostenlos zu prüfen. Allein zwischen dem 17. und 23. Juli suchten 101.838 Menschen Akteneinsicht oder legten Einspruch ein.
Das Handelsministerium kümmert sich um weitere 122.324 Antragsteller, deren Anträge abgelehnt wurden, weil sie als Firmendirektoren, Anteilseigner oder Geschäftspartner gelistet waren. In vielen Fällen wurden ihre Namen ohne Zustimmung verwendet.
Was sich ab Oktober ändert
Bestehende Karteninhaber erhalten ihre Leistungen noch bis zum 30. September. Erfolgreiche Antragsteller im überarbeiteten Programm sollen ab dem 1. Oktober ihre Zahlungen bekommen. Varakorn Samakoses betont, dass Bargeldhilfe eine der wirksamsten Methoden bleibe, um armen Haushalten zu helfen.
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