Thais und Kambodschaner: Ein Konflikt seit 400 Jahren

Knapp eine Million Kambodschaner verließen Thailand binnen zwei Wochen – Menschen, die jahrelang nebenan arbeiteten. Was steckt hinter einem Hass, der 400 Jahre alt ist?

Thais und Kambodschaner: Ein Konflikt seit 400 Jahren
Wochenblitz Archiv

Ich lebe seit mehr als 30 Jahren in Thailand, und eines ist mir in dieser Zeit nie aufgefallen, weil es so selbstverständlich war: Kambodschaner sind überall. Im Restaurant um die Ecke schleppen sie Kisten, auf der Baustelle nebenan schlagen sie Stahl, im Condo-Putzteam kennt jeder ihren Vornamen – aber kaum jemand fragt, woher sie kommen. Dann kam der Sommer 2025, und plötzlich waren fast eine Million von ihnen weg. Innerhalb von zwei Wochen.

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Sie sind aus dem Alltag nicht wegzudenken – und trotzdem Feinde

Vor dem Konflikt arbeiteten knapp 450.000 registrierte Kambodschaner legal in Thailand, die tatsächliche Zahl dürfte laut Schätzungen von IOM und Weltbank bis zu 1,2 Millionen betragen haben. Sie schuften in der Fischerei, auf Feldern, in der Gastronomie und auf Baustellen – Jobs, für die sich kaum noch Thais finden lassen. Ihre Überweisungen nach Hause summierten sich 2024 auf knapp drei Milliarden US-Dollar. Das ist keine Randnotiz. Das ist das Rückgrat ganzer Provinzen in Kambodscha.

Und dennoch: Als die Kämpfe an der Grenze im Juli 2025 ausbrachen, schlug die Stimmung in Teilen der thailändischen Bevölkerung sofort um. Übergriffe, Einschüchterungen, Misstrauen. Kambodschanische Arbeiter, die seit Jahren hier lebten, fühlten sich nicht mehr sicher. Die Wirtschaft bemerkte das Fehlen dieser kambodschanischen Arbeiter in Thailand schneller als jede Behörde.

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Fast eine Million kehrte über Nacht zurück

In den zwei Wochen nach dem 24. Juli 2025 flohen mehr als 900.000 Kambodschaner über die Grenze zurück. Zum Vergleich: Während Covid-19 waren es rund 260.000. Diese Welle traf Kambodscha unvorbereitet. Laut einer Erhebung der Organisation CENTRAL finanzierten die meisten Rückkehrer ihre Heimreise selbst, viele bezahlten Schmiergeld an Grenzbeamten, acht Prozent gerieten dadurch in neue Schulden. Nur gut 30 Prozent erhielten irgendeine Form von Unterstützung.

Thailand merkte den Abgang kaum weniger schmerzhaft. Auf dem Höhepunkt der Erntesaison fehlten Hunderttausende Hände. Landwirte in Grenznähe blieben auf unreifem Obst sitzen, Restaurantbetreiber suchten verzweifelt nach Ersatz. Die Frage, ob der Abgang zum Stillstand führt, stellte sich nicht theoretisch. Sie stand ganz konkret auf Feldern und in Küchen.

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Ein Telefonat, das ein Land in Brand steckte

Am 15. Juni 2025 rief die thailändische Premierministerin Paetongtarn Shinawatra den kambodschanischen Ex-Regierungschef Hun Sen an. Sie wollte die Spannungen an der Grenze dämpfen. Sie nannte ihn „Onkel“, bat ihn, einen aufbrausenden thailändischen General zu ignorieren, der „nur cool aussehen will“. Zwei Wochen später hatte Hun Sen das Gespräch geleakt – vollständig, 17 Minuten, auf Facebook. Das Verfassungsgericht suspendierte Paetongtarn am 1. Juli mit sieben zu zwei Stimmen vom Amt.

Was folgte, war kein Zufall. Thailand ist ein Land, in dem man den eigenen General nicht öffentlich kritisiert – schon gar nicht gegenüber dem Nachbarn. Der Leak traf genau diese Wunde. Demonstranten zogen durch Bangkok. Der zweitgrößte Koalitionspartner verließ die Regierung. Und an der Grenze schossen keine Politiker mehr, sondern Soldaten – mit Artillerie, Raketen und ab Dezember mit F-16 und Gripen-Jets.

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Zwei Familien, ein Krieg – und das war erst der Zünder

Viel wurde darüber geschrieben, wie dieser Konflikt aus dem gegenseitigen Hass zweier mächtiger Dynastien hervorging: der Shinawatras in Thailand, der Huns in Kambodscha. Thaksin Shinawatra postete während der ersten Kämpfe, das Militär solle Hun Sen „eine Lektion erteilen“. Hun Sen antwortete mit Verrat-Vorwürfen. Für viele Kommentatoren war das die Geschichte. Für mich nach mehr als 30 Jahren hier ist es zu kurz gegriffen.

Zwei Politiker streiten, das gibt es überall. Aber dieser Streit löste in beiden Bevölkerungen etwas aus, das tiefer sitzt als jede Familienrivalität. Menschen, die einander täglich auf der Baustelle begegnen, wurden plötzlich zu Feinden. Das braucht einen Nährboden, der über Jahrzehnte bereitet wurde. Und der beginnt, wie so vieles, in der Schule.

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Was die Schulen lehren: Der Verrat von Lovek

Im Jahr 1594 eroberte König Naresuan von Ayutthaya die kambodschanische Hauptstadt Lovek. Was aus siamesischer Sicht ein Straffeldzug war – Reaktion auf einen kambodschanischen Angriff während des Krieges gegen Burma – ist in der thai­ländischen Schulerzählung bis heute als Verrat verankert: Der kambodschanische König hatte ein Bündnis gebrochen, Ayutthaya von hinten angegriffen, während es im Westen kämpfte. Naresuan siegte, Lovek fiel, Kambodscha wurde Vasallenstaat.

Diese Episode sitzt tief genug, um noch im Sommer 2025 als politisches Werkzeug benutzt zu werden. Der ultranationalistische Protestführer Sondhi Limthongkul erklärte kurz vor Ausbruch der Kämpfe, Hun Sen und die Kambodschaner trügen denselben „DNA-Code“ wie dieser verräterische König von Lovek – und seien daher grundsätzlich nicht vertrauenswürdig. Das ist kein Randphänomen. Das ist Mainstream-Rhetorik in bestimmten politischen Kreisen Bangkoks.

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Die kambodschanische Version derselben Geschichte

Kambodscha lehrt dieselbe Episode anders. Aus Phnom-Penh-Perspektive war es Ayutthaya, das den kambodschanischen König nicht als Gleichen behandelte, das angriff, plünderte, Statuen raubte und die Bevölkerung zwang, weiter ostwärts zu fliehen. Der Fall Loveks markiert in dieser Lesart den Beginn eines langen Niedergangs: Gebietsverluste an Siam im Westen, an Vietnam im Osten, schließlich französisches Protektorat als einzige verbleibende Option gegen völlige Annexion.

Beide Versionen benutzen dasselbe Ereignis, um dasselbe Gefühl zu erzeugen: Misstrauen. Nur die Richtung ist gespiegelt. Wer dem anderen nicht vertraut, findet in seiner Schulbuchversion dafür reichlich Belege. Nach mehr als 30 Jahren in Thailand habe ich gelernt: Wenn zwei Seiten dieselbe Geschichte erzählen und sie trotzdem nicht überein­stimmen, lohnt es sich, die Frage zu stellen, wem diese Version nutzt.

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Ein Tempel, um den man nie aufhörte zu streiten

Der Preah-Vihear-Tempel aus dem 11. Jahrhundert steht auf einem Bergausläufer genau an der Grenze. 1962 urteilte der Internationale Gerichtshof in Den Haag: Tempel auf kambodschanischem Territorium, Thailand muss Truppen abziehen. Thailand zog ab, akzeptierte das Urteil aber nie vollständig. Schon 2008, als Kambodscha den Tempel als UNESCO-Welterbe eintragen ließ, standen wieder Soldaten beider Seiten in der Pufferzone.

Der Streit um Preah Vihear ist mehr als Grenzpolitik. Er ist das Symbol, das beide Seiten immer dann hervorholen, wenn sie Nationalismus brauchen. Für Thailand steht er für eine Ungerechtigkeit, die nie gelöst wurde. Für Kambodscha steht er für einen Sieg, den Thailand nie akzeptiert hat. Beides stimmt. Und beides erklärt, warum jede neue Krise an dieser Grenze sofort in ältere Wunden greift.

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Muay Thai, Kun Khmer – wessen Fäuste sind das?

Bei den SEA Games 2023 in Phnom Penh ließ die kambodschanische Seite den Kampfsport nicht mehr unter dem Namen Muay Thai antreten, sondern als Kun Khmer. Thailand drohte mit Boykott, die Verbandsspitze erklärte den Schritt für unakzeptabel. Am Ende traten beide Länder an, aber der Streit schwelte weiter. Kambodscha argumentiert, Kun Khmer sei die Urform, aus der Muay Thai entstanden sei. Thailand sieht das umgekehrt.

Die historische Wahrheit ist unordentlicher als beide Ansprüche. Kampfkünste dieser Art entwickelten sich über Jahrhunderte und Grenzen hinweg, beeinflusst durch Migration, Kriege und kulturellen Austausch. Angkor Wat zeigt Reliefs mit Kampfszenen, die Jahrhunderte älter sind als das Wort Muay Thai. Aber Nuancen interessieren niemanden, wenn es um nationale Symbole geht. Thailand machte seinen Stil zur Weltmarke. Kambodscha kämpft darum, dass die eigene Tradition nicht darin verschwindet.

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„Claimbodia“ und „LieLand“: Der Kulturkampf im Netz

Was mit Kampfsport begann, hört bei Songkran nicht auf. Manche Thais bezeichnen Kambodscha spöttisch als „Claimbodia“ – weil die Nachbarn angeblich alles beanspruchen, was einmal thailändisch war: Kleidung, Tempel-Architektur, Tanztraditionen. Kambodschaner antworten mit „LieLand“ und dem Ausspruch „Don’t Thai me“, sinngemäß: Lüg mich nicht an. Beide Seiten meinen es ernst.

Diesen Kulturkampf gibt es nicht erst seit 2025. Er läuft seit Jahren auf YouTube, Facebook und TikTok, gespeist von Algorithmen, die Empörung belohnen. Was früher Stammtisch-Gezänk war, wird heute millionenfach geklickt. Ultranationalisten beider Länder haben dort ihre Bühne gefunden, und sie nutzen sie. Welche Rolle das im Vorfeld des Konflikts gespielt hat, lässt sich schwer messen – unterschätzen sollte man es nicht.

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Warum der Hass von oben kommt

Selektive Erinnerung entsteht nicht von selbst. Sie wird gepflegt. In Thailand wie in Kambodscha haben herrschende Eliten über Generationen Schulbücher, Nationalfeiertage und Staatsmedien genutzt, um ein bestimmtes Bild des Nachbarn zu festigen. Das Bild des Verräters hier, das Bild des Aggressor dort. Es ist ein bewährtes Werkzeug: Wer die eigene Bevölkerung auf einen gemeinsamen Feind ausrichten kann, lenkt sie von innenpolitischen Problemen ab.

Das ändert nichts daran, dass die Menschen, die diesen Hass verinnerlichen, ihn für echt halten. Das ist ja das Tückische an erfolgreich betriebener Nationalgeschichte. Ich habe in mehr als 30 Jahren viele Thais getroffen, die Kambodschaner schlicht nicht mögen – nicht weil ihnen persönlich etwas Schlechtes widerfahren ist, sondern weil es so gelernt wurde. Das gilt, nach allem was ich verstehe, in die andere Richtung genauso.

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Fünf Tage Krieg, Monate Ceasefire-Theater

Die offenen Kämpfe dauerten vom 24. bis 28. Juli 2025. Artillerie, Raketen, thailändische Luftschläge mit F-16 gegen kambodschanische Positionen. Mindestens 38 Tote, über 300.000 Vertriebene auf beiden Seiten. Malaysia vermittelte den Waffenstillstand in Putrajaya, US-Präsident Trump meldete sich zu Wort, UN und ASEAN riefen zur Mäßigung auf. Im Dezember flammten die Kämpfe erneut auf.

Was mich nach mehr als 30 Jahren hier mehr beschäftigt als die Kampfhandlungen selbst: wie schnell der Alltag kippte. Kambodschanische Arbeiter, die jahrelang dieselben Straßen genutzt hatten wie ihre thai­ländischen Nachbarn, fühlten sich plötzlich nicht mehr sicher. Der Krieg war an der Grenze. Das Misstrauen war überall.

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900.000 Menschen auf der Flucht – das eigentliche Opfer

Die meisten von ihnen waren arm. Kambodschanische Migranten in Thailand kommen selten aus der Mittelschicht. Sie kommen, weil der Lohn hier zwei- bis dreimal höher ist als zu Hause. Sie schicken Geld nach Hause, das Familien in Kambodscha ernährt. Und sie sind die Ersten, die beim kleinsten politischen Beben verschwinden müssen – weil sie keinen Schutz haben, keine Lobby, keine Botschaft, die sich wirklich für sie einsetzt.

Drei Milliarden Dollar Überweisungen im Jahr 2024 – und dann von heute auf morgen nichts. Der Konflikt, den Shinawatras und Huns ausgelöst haben, wird von Politikern irgendwann beigelegt. Die Schulden, die Rückkehrer an kambodschanischen Grenzübergängen gemacht haben, um nach Hause zu kommen, werden noch lange bleiben.

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Ob sich das ändert? Ich glaube es – und glaube es nicht

Beide Völker haben mehr gemeinsam als sie wahrhaben wollen. Dieselbe buddhistische Tradition, ähnliche Küche, verwandte Schriften, geteilte Handelsrouten seit Jahrhunderten. In Bangkok arbeiten sie Seite an Seite. An der Grenze schießen sie aufeinander. Beides stimmt gleichzeitig, und das ist kein Widerspruch – das ist die Lage.

Was sich ändern müsste, wäre der Unterricht. Eine Geschichte, die zwei Völker gegeneinander aufstellt, produziert Generation um Generation neues Misstrauen. Das wissen Historiker in beiden Ländern – aber Schulbücher schreiben Bildungsminister, keine Historiker. Solange das so bleibt, werden Lovek und Preah Vihear immer dann aus der Schublade geholt, wenn jemand Krieg braucht. Nach mehr als 30 Jahren in Thailand habe ich das häufig genug beobachtet, um es vorhersagen zu können.

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Redaktionelle Hinweise

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Die historischen Darstellungen basieren auf dokumentierten Schulbuch-Narrativen beider Länder sowie auf Primärquellen (ICJ-Urteile 1962 und 2013, Britannica, Wikipedia DE). Angaben zu Opferzahlen und Vertriebenen stammen aus Berichten von Silobreaker, NPR und Bangkok Post und können je nach Quelle variieren. Die wiedergegebenen nationalistischen Positionen spiegeln dokumentierte politische Rhetorik wider und sind keine redaktionelle Wertung der Wochenblitz-Redaktion.

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