Er heißt Klaus. Oder Werner. Oder Hans-Peter. Der Name spielt keine Rolle — solche Männer gibt es in Thailand Dutzende. Deutsche, die irgendwann aufgehört haben zu zählen, wie viele Jahre sie schon weg sind. Erst Australien, dann Thailand. Dann eine Frau, ein Haus, ein Leben auf dem Land. Und jetzt sitzt er allein in einem Zimmer, das nicht mehr seins ist.
Ich habe ihn getroffen — nicht diesen einen, aber viele wie ihn. Männer kurz vor sechzig, kurz nach dem Verlust, mit einem Koffer und keiner Ahnung wohin. Was mich beschäftigt: Pattaya soll die Lösung sein. Aber ist es das?
Das Haus in der Provinz gehörte nie ihm
Thailand kennt kein Erbrecht für Ausländer auf Grundstücke. Das Haus der Familie seiner Frau fiel nach ihrem Tod zurück an die Verwandten — formal oder durch sozialen Druck, manchmal durch beides gleichzeitig. Er lebt dort noch, aber er weiß, dass er ein Gast ist. Ein Gast, der zu lang geblieben ist und dem niemand mehr sagt, wann er gehen soll, weil niemand weiß, wie man das auf Deutsch sagt.
Wer das versteht, muss ihn nicht bemitleiden. Wer es nicht versteht, sollte wissen: In Thailand-Beziehungen gibt es selten ein klares Innen und Außen. Familienbande laufen anders. Und wenn die Frau fehlt, fehlt auch der Schlüssel zu dem, was man für Heimat gehalten hat. Er ist nicht vertrieben worden. Er ist — langsam, freundlich, höflich — überflüssig geworden.
Deutschland ist keine Option, das weiß er längst
Zurück nach Deutschland. Den Satz denkt er manchmal nachts. Dann fällt ihm ein: Da gibt es niemanden mehr. Kein Bruder, keine Schwester, kein Elternhaus — das wurde vor Jahren verkauft, als er nach Australien ging. Die Freunde von damals haben Enkel und Rentnerurlaub in der Türkei. Er ist herausgefallen aus einem Leben, das sich ohne ihn weiterentwickelt hat. Deutschland wäre nicht Heimkommen. Es wäre Ankommen an einem fremden Ort mit vertrauter Sprache.
Das ist vielleicht das Härteste an langen Auswandererjahren: Man verbrennt die Brücken nicht absichtlich. Sie verwittern einfach, still und ohne Drama, während man woanders beschäftigt ist. Irgendwann schaut man zurück — und sieht nur noch Wasser.
Pattaya als Neuanfang — oder als Betäubungsmittel
Pattaya zieht solche Männer an. Nicht weil die Stadt so schön ist, sondern weil sie nicht fragt. Niemand will dort wissen, was man früher war oder wen man verloren hat. Es gibt Bars, in denen man stundenlang sitzen kann, ohne dass jemand fragt: „Wie geht’s dir wirklich?“ Das kann Erleichterung sein. Für manche ist es das auch, eine Zeit lang. Für andere wird aus der Erleichterung eine Gewohnheit, und aus der Gewohnheit eine Grube, aus der man nicht mehr heraussteigt.
Pattaya hat auch eine andere Seite — Expats, die seit zwanzig Jahren hier leben und sich wirklich zu Hause fühlen, mit Stammtischen, Vereinen, Sportgruppen, echten Freundschaften. Die Stadt ist nicht das Problem. Die Frage ist, was man mitbringt, wenn man ankommt. Kommt man mit dem Wunsch nach Leben — oder mit dem Wunsch, nicht mehr fühlen zu müssen?
Was Einsamkeit in Thailand anders macht als anderswo
Einsamkeit in Deutschland ist grau, kalt, staubig. Einsamkeit in Thailand hat Meerblick und kostet dreißig Baht für ein Bier. Sie sieht von außen nach Urlaub aus. Das macht sie gefährlicher — weil man sie selbst schwerer erkennt und weil andere sie noch schwerer sehen. „Dem geht’s doch gut, der sitzt da in der Sonne“ ist ein Satz, den ich schon oft gehört habe. Meist über Männer, die kurz darauf verschwunden sind.
Einsamkeit hier sucht sich andere Wege. Sie tarnt sich als Routine — täglicher Gang zur gleichen Bar, täglicher Blick aufs Meer ohne zu sehen. Wer aufmerksam schaut, erkennt das Muster. Wer nicht aufmerksam schaut, sieht einen Mann, der das Leben genießt. Beides kann gleichzeitig stimmen, für eine Weile.
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Was er braucht, hat keinen Preis auf dem Markt
Man kann ihm sagen: Such dir ein günstiges Condo in Jomtien. Meld dich beim Deutschen Stammtisch. Geh schwimmen, fahr Rad, bleib in Bewegung. Das ist alles richtig. Es hilft, kurzfristig. Aber was ihn hält, ist kein Aktivitätenprogramm — es ist das Gefühl, dass sein Leben noch einen Adressaten hat. Dass er jemanden anrufen kann, der sich freut. Dass jemand fragt, wie er nach Hause kam.
Pattaya kann der Anfang davon sein. Oder das Ende. Was es wird, entscheidet er selbst — vielleicht ohne es zu wissen, im Moment, in dem er sich sein erstes Bier am Strand bestellt und schaut, ob er dabei an die Zukunft denkt oder versucht, nicht an die Vergangenheit zu denken. Er wird sich ein Leben aufbauen müssen — nicht wiederfinden, nicht zurückholen. Aufbauen. Mit sechzig. Auf fremdem Boden. Für viele Männer, die ich hier kenne, war genau das der Anfang von etwas Neuem.
Hilfe in Thailand und aus Thailand erreichbar
Samaritans of Thailand (Englisch) — Tel. 02 713-6791, täglich 24 Stunden. Rückruf-Service: Nachricht hinterlassen, Rückruf innerhalb von 24 Stunden. Anonym, kein Name erforderlich. Speziell ausgebildete Mitarbeiter, auch für Einsamkeit und Trauer — nicht nur bei akuter Suizidgefahr. Wer nicht sprechen möchte, kann einfach zuhören lassen.
Department of Mental Health Thailand — Hotline 1323, täglich erreichbar, primär Thai, auf Anfrage englischsprachige Weiterleitung. TelefonSeelsorge Deutschland — per Internettelefonie (VoIP/WhatsApp) aus Thailand kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, anonym, auf Deutsch.
Telefonseelsorge Österreich — 142, per VoIP aus Thailand anwählbar, auf Deutsch. Dargebotene Hand Schweiz — 143, ebenfalls per VoIP erreichbar. Wer keinen Internetzugang hat: Ein Anruf ins Ausland ist über jede Thai-SIM-Karte möglich — die Verbindung kostet, aber sie funktioniert.
Anmerkung der Redaktion
Dieser Text erreichte die Redaktion als anonymer Leserbrief. Wir veröffentlichen ihn unverändert — weil wir glauben, dass er nicht der Einzige ist, dem diese Geschichte bekannt vorkommt. Wer sich darin wiederfindet oder sich selbst in einer Krise befindet: Hilfe ist erreichbar, auch aus Thailand heraus. Anlaufstellen auf Englisch und Deutsch finden Sie nachstehend.



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