Leber, Schnaps, Hühnerstall – Wolfgangs erster Abend im Isaan

Leber, Reisschnaps und ein Hühnerstall: Was passiert, wenn ein Ausländer zum ersten Mal die Eltern seiner Thai-Partnerin besucht – im Isaan und anderswo.

Leber, Schnaps, Hühnerstall - Wolfgangs erster Abend im Isaan
KI generiertes Symbolbild

Wer zum ersten Mal ins Dorf seiner Thai-Partnerin fährt, glaubt, er weiß, was ihn erwartet. Er hat sich irgendwo informiert, vielleicht sogar ein paar Thai-Brocken gelernt, und er hat sich vorgestellt, wie es sein wird. Er weiß es nicht. Wolfgang dachte das auch. Er ist an einem Abend am Mekong gelandet, hat Dinge gegessen, die er nicht kannte, Dinge getrunken, von denen er eine Gänsehaut bekam, und hat zugestimmt, einen Hühnerstall zu bauen. Er hat sich geirrt. In allem.

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Willkommen im Isaan – Ankunft auf Holzstelzen

Das Dorf liegt nah an der Grenze zu Laos, am Mekong, wo die Luft nach Flusswasser riecht und die Zeit eine andere Geschwindigkeit hat. Kein Beton, keine Klimaanlage im Wohnzimmer, kein Wohnzimmer im eigentlichen Sinne. Das Haus der Familie steht auf Holzpfählen, das Dach ist Wellblech, und wenn man die Treppe hochsteigt, die eigentlich mehr Leiter als Treppe ist, landet man auf einem Holzboden, der bei jedem Schritt leicht federt. Wolfgang griff instinktiv nach dem Geländer. Es gab keins.

Unten, unter dem Haus, lebten Hühner. Das erfuhr Wolfgang nicht durch Erklärung, sondern durch Geräusch. Die ganze Familie stand oben und lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Das war die gesamte Kommunikation der ersten fünf Minuten.

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Der Wai und die Frage: Wie tief muss das sein?

Dann die Großmutter. Klein, von der Sonne braun und ledrig gearbeitet, Augen, die aussahen, als hätten sie schon alles gesehen – und Wolfgangs Erscheinung passte gut ins Bild. Er wusste, dass man die Hände faltet und sich leicht verbeugt. Was er nicht wusste: wie tief, wie lange, wie oft. Er faltete die Hände auf Brusthöhe. Zu niedrig. Er hob sie. Zu hoch. Er verbeugte sich. Die Großmutter lachte. Nicht böse. Einfach so.

Seine Freundin flüsterte ihm etwas zu. Er verstand das Wort „Oma“ und das Wort „okay“. Den Rest übersetzte er sich selbst zusammen, vermutlich falsch, aber beruhigend. Der Opa saß auf einem Plastikstuhl, schaute Wolfgang kurz an, nickte einmal und rauchte weiter. Das war die herzlichste Begrüßung des Abends.

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Großmutter geht in den Wald – und kommt mit dem Abendbrot zurück

Kurz nach der Ankunft verschwand die Großmutter. Einfach so. Keine Erklärung, kein Abschiedswort, sie war weg. Wolfgang fragte seine Freundin. Die winkte ab: „Sie holt noch was.“ Wo holt sie was? „Draußen.“ Das Gespräch endete dort. Zwanzig Minuten später kam die Großmutter mit einem Bund frischer Blätter zurück, die sie irgendwo am Flussufer oder im Gebüsch hinter dem Dorf gesammelt hatte. Tam Luang. Pak Naam. Kräuter, Blätter, Wildgemüse, Dinge, für die Wolfgang weder Namen noch Kategorien hatte.

Sie wurden gewaschen, kurz zubereitet, roh serviert. Auf einem Plastiktablett, das auf dem Boden stand. Denn gegessen wurde auf dem Boden. Wolfgang setzte sich hin, die Beine irgendwie zur Seite, der Rücken schon nach drei Minuten im Protest. Er aß die Blätter. Sie schmeckten nach Natur und leichter Bitterkeit und dem Gedanken, dass er keine Ahnung hatte, was er da aß.

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Das Gericht mit der Leber: Wolfgang denkt, es ist Salat

Dann kam ein Gericht, das wie ein Salat aussah. Frische Kräuter, Frühlingszwiebeln, gerösteter Reis, rotes Fleisch. Wolfgang dachte: Hackfleisch. Er aß. Es war gut. Scharf, intensiv, mit einem metallischen Unterton, den er nicht einordnen konnte. „Was ist das?“, fragte er. Kurze Rücksprache mit der Familie. Dann: „Larb. Mit Leber.“ Larb Moo, Schweinefleischsalat mit Schweineleber. Er schluckte. Nicht vor Ekel – er hatte es ja schon gegessen und es hatte geschmeckt. Aber er schluckte trotzdem.

Die Familie beobachtete seine Reaktion. Er nickte und zeigte mit dem Daumen nach oben. Alle lachten. Das war der Moment, an dem Wolfgang aufhörte, der Fremde zu sein, und anfing, der Typ zu sein, der Leber isst und nicht stirbt.

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Papayasalat mit schwarzen Krabben – kein Kommentar

Als wäre Leber nicht genug, kam der Som Tam. Papayasalat, wie er im Isaan gemacht wird, also mit gesalzenen, fermentierten schwarzen Krabben. Som Tam Poo. Die Krabben sind nicht groß, aber sie sind ganz. Schale, Beine, Augen. Wolfgang bekam eine Portion hingestellt. Er schaute. Er schaute noch mal. Die kleinen schwarzen Dinger schauten zurück. Oder zumindest bildete er sich das ein.

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Er aß. Es schmeckte nach Salz, Fischsauce, Chili und einem Hauch von Meer, obwohl das Meer weit weg war. Sein Magen meldete kurz Widerspruch, dann gab er nach. Die Familie nickte anerkennend. Wer Poo-Krabben isst, ohne das Gesicht zu verziehen, hat einen stillen Test bestanden. Wolfgang wusste das nicht. Er hatte ihn trotzdem bestanden.

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Der erste Schluck Lao Khao

Der Onkel – er war der geselligste von allen und schon nach einer Stunde Wolfgangs inoffizieller Verbündeter – holte eine Plastikflasche hervor. Keine Etikette. Klare Flüssigkeit. Lao Khao, der Reisschnaps der Region, der billig gebrannt und nicht für empfindliche Gaumen gemacht wird. Wolfgangs Glas wurde gefüllt. Alle schauten. Er trank. Das erste, was er dachte, war: Gott. Das zweite war eine Gänsehaut, die vom Hals bis zu den Schultern lief. Das dritte war Schweigen.

Der Onkel lachte, klopfte ihm auf die Schulter und redete auf Isaan-Thai auf ihn ein, was Wolfgang nicht verstand, was aber gut klang. Bedeutete vermutlich: „Gut gemacht, Junge.“ Oder auch: „Noch einen?“ Wolfgang bekam noch einen.

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Cola für den Ausländer: Ein Akt der Fürsorge

Neben dem Lao Khao stand eine zwei Liter Cola. Extra vom Markt geholt. Für ihn. Die Logik war klar, auch wenn sie nie ausgesprochen wurde: Ausländer trinken keine Cola, also kauft man Cola. Das ist Gastfreundschaft, die kein Reiseführer erklärt. Die Familie hatte extra an ihn gedacht, hatte angenommen, was er trinkt, und damit zufällig genau daneben gelegen. Aber die Geste zählte, nicht die Einschätzung.

Wolfgang trank einen Schluck Cola nach dem Lao Khao. Das half tatsächlich. Er trank noch einen und stellte die Flasche dann wieder hin, weil er nicht wusste, ob er sie alleine austrinken sollte oder ob das unhöflich wäre. Die Familie schaute zufrieden. Alles lief nach Plan, jedenfalls nach ihrem. Sein Plan hatte an diesem Abend aufgehört zu existieren, ungefähr beim zweiten Lao Khao.

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Onkel, Markt, Grillhähnchen – und ein kleines Missverständnis

Der Onkel hatte noch etwas mitgebracht: ein Grillhähnchen vom Markt. Klein, knusprig, in mundgerechte Stücke gehackt, wie das im Isaan gemacht wird, mit Knochen und allem. Dazu Klebreis in einem kleinen Bambuskörbchen. Das war die Geste für den Gast, das war das Signal: Hier bist du willkommen. Gai Yang und Khao Niao. Wolfgang griff nach einem Stück. Dann nach dem nächsten. Es war das Beste des Abends und gleichzeitig das Einzige, was er ohne innere Bestandsaufnahme aß.

Das Missverständnis kam später. Der Onkel fragte irgendetwas, seine Freundin übersetzte halb, Wolfgang antwortete irgendwie, alle nickten. Am nächsten Morgen erfuhr er, dass er offenbar zugestimmt hatte, beim Bau eines Hühnerstalls zu helfen. Er half. Der Hühnerstall steht noch.

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Wenn die Übersetzung endet

Das Essen war irgendwann vorbei, aber der Abend nicht. Man saß zusammen, die Familie redete, lachte, stritt kurz, lachte wieder. Wolfgang saß mittendrin und hörte zu. Er verstand kein Wort. Nicht wegen mangelnder Aufmerksamkeit, sondern weil Isaan-Thai noch mal eine andere Liga ist als das Bangkok-Thai, das man vielleicht aus Sprachkursen kennt. Seine Freundin übersetzte, wenn sie konnte oder mochte. Manchmal übersetzte sie nicht, weil das Gespräch zu schnell lief oder weil der Witz nicht übertragbar war.

Es gibt Abende, an denen man begreift, dass Sprache der Unterschied ist zwischen Besuch und Teilhabe. Thailändisch lernen ist kein romantisches Projekt, sondern der direkteste Weg, an Abenden wie diesen nicht nur Zuschauer zu sein. Wolfgang hat das an jenem Abend verstanden. Ob er später tatsächlich angefangen hat zu lernen, ist eine andere Geschichte.

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Das andere Thailand: Wenn Papa Beamter und Mama Lehrerin ist

Nicht jede Thai-Schwiegerfamilie lebt im Isaan-Dorf auf Holzpfählen. Wer die Eltern seiner Partnerin im Mubaan-Siedlungshaus besucht, wo der Vater Beamter und die Mutter Lehrerin ist, landet in einer anderen Welt: Tisch, Stühle, Klimaanlage, Flachbildschirm. Man isst mit Löffel und Gabel, die Begrüßung ist formeller, das Schweigen disziplinierter. Das Essen selbst unterscheidet sich weniger als erwartet. Grillhähnchen, Klebreis, Som Tam. Thailand ist beim Essen sich selbst treu, egal welche Etage.

Der Unterschied liegt im Subtext. In der Mittelschichtfamilie wird Englisch probiert, wird nach dem Beruf gefragt, werden Absichten freundlich abgeklopft. Im Dorf am Mekong war das alles stiller, unmittelbarer und auf eine Art ehrlicher. Wolfgang hat beides erlebt. Er sagt, der Hühnerstall war die bessere Geschichte. Die Familie am Mekong würde das vermutlich genauso sehen.

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Redaktionelle Hinweise

Dieser Artikel schildert kulturelle Erfahrungen und Szenen aus dem Alltag in Thailand. Er ersetzt keine persönliche Vorbereitung auf den Besuch einer Thai-Familie. Bräuche, Erwartungen und Umgangsformen unterscheiden sich je nach Region, Generation und Familienstruktur erheblich – pauschale Ratschläge gelten nie für alle Situationen. Hinweis: Dieser Artikel enthält Links zu unseren Werbepartnern.

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