Pattayas Leerstand: Wer jetzt in die leeren Bars einzieht

Nebensaison in Pattaya — und auf einmal sieht man, was sonst übersehen wird. In verlassenen Bars und leerstehenden Gebäuden hat sich eine zweite Bevölkerung eingerichtet. Was die Stadt dagegen tut — und warum es nicht reicht.

Pattayas Leerstand: Wer jetzt in die leeren Bars einzieht
Thaiger

Wenn die Touristenzahlen sinken, wird manches sichtbar, was die Hochsaison übertüncht. Verlassene Bars, geschlossene Geschäfte, leerstehende Gebäude — und in diesen Gebäuden Menschen, die nirgendwo sonst schlafen können. Eine Begehung am 2. Juni 2026 durch mehrere Touristengebiete Pattayas hat gezeigt: Die Nebensaison verändert das Stadtbild gründlicher, als die offizielle Version es beschreibt.

Was man auf den Straßen sieht, ist kein neues Problem — aber es wächst. Anwohner berichten von mehr Personen, die nachts in verlassene Immobilien einziehen. Müll, Essensreste, persönliche Habseligkeiten. Keine Statistik, kein Plan, kein Budget der Stadtverwaltung hat das bislang gelöst. Und jedes Jahr zur Nebensaison beginnt dasselbe Kapitel von vorne.

Leerstehend, aber bewohnt

Pattaya hat in den vergangenen Jahren viele Lokale verloren. Bars, die nach Corona nie wieder aufgemacht haben. Restaurants, die nach dem Einbruch des chinesischen Tourismus 2024 und 2025 die Rollläden endgültig schlossen. Was übrig bleibt, sind Gebäude ohne Strom, ohne Wasser, oft ohne Türen. Für jemanden ohne Wohnung ist das trotzdem besser als die Straße.

Ein Barbesitzer in South Pattaya sagt es offen: Wer den Laden dichtgemacht hat und das Gebäude sich selbst überlässt, darf sich nicht wundern, wenn jemand einzieht. Nicht weil die Menschen kriminell sind, sondern weil sie keine Wahl haben. Das ist keine Entschuldigung — es ist eine Erklärung, die die Stadt bislang nicht ausreichend zur Kenntnis nimmt.

Das Muster, das sich wiederholt

Pattaya räumt. Das stimmt. Im Oktober 2025 gab es eine koordinierte Operation entlang der Thappraya Road und der Soi Yensabai — Social Welfare Department, Umweltamt, Stadtpolizei, alles dabei. Im Februar 2026 wurden in Jomtien weitere Kontrollen durchgeführt, nachdem Anwohner und Gewerbetreibende Beschwerden eingereicht hatten. Im März folgte eine Begehung am Pattaya Beach, bei der elf Personen angetroffen wurden.

Das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe: Die Menschen werden mitgenommen, zum Chonburi Protection Center gebracht — und kehren zurück. Die Einrichtung bietet Unterkunft, Rehabilitationsprogramme, Berufsausbildung, alles freiwillig. Wer gehen will, geht. Und wer geht, kommt meist dorthin zurück, wo er vorher war. Das sagen die Behörden selbst.

Ursachen, die die Stadt kennt

Pattaya City Hall arbeitet nicht im Unwissen. Im April 2026 tagte das Stadtratsgremium für Obdachlosenhilfe und beschloss eine neue Strategie: weniger Bürokratie, schnellere Soforthilfe, langfristige Rehabilitation statt kurzfristiger Verdrängung. Vizebürgermeister Damrongkiat Pinitchan sprach von einem Aktionsplan für das Fiskaljahr 2026. Worte, die man in ähnlicher Form seit Jahren hört.

Die Ursachen sind bekannt: Jobverlust, Familienprobleme, fehlende Wohnoptionen für Menschen am unteren Rand der Einkommensskala, psychische Erkrankungen, Sucht. Pattaya ist eine Stadt, die auf Tourismus und Dienstleistung aufgebaut ist. Wenn der Tourismus schrumpft — und er schrumpft, im Januar 2026 kamen 18 Prozent weniger ausländische Besucher als im Vorjahr — dann trifft das als erstes die Menschen, die ohnehin wenig Puffer haben.

Was Anwohner erleben

Wer in der Nähe eines dieser Gebäude wohnt, hat ein ambivalentes Verhältnis zum Thema. Niemand will Menschen auf der Straße sehen, die nichts mehr haben. Gleichzeitig: Lärm in der Nacht, Müll vor der Haustür, Unsicherheit darüber, wer genau dort schläft und in welchem Zustand. Das sind keine abstrakten Bedenken, sondern Alltag für Menschen, die in betroffenen Vierteln leben.

Ein Anwohner brachte es auf den Punkt: Die Betroffenen brauchen Hilfe — aber auch die Nachbarschaft braucht Hilfe. Beides auf einmal zu leisten, daran scheitert die Stadt seit Jahren. Das Problem wird verschoben, nicht gelöst. Wer vom Pattaya Beach weggeräumt wird, taucht in Jomtien auf. Wer in Jomtien kontrolliert wird, zieht weiter. Wie dieser Kreislauf aus Sicht derjenigen aussieht, die ihn täglich beobachten, haben wir bereits ausführlich beschrieben.

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Pattaya im Spiegel der Nebensaison

April 2026: In einem verwilderten Leerstandsgrundstück an der North Road 2 wurde ein 42-jähriger obdachloser Mann tot aufgefunden. Kein Strom, kein Wasser, ein Zaun mit einer Lücke als Eingang, drei Meter hohes Unkraut. Ein anderer Obdachloser hatte ihn identifiziert. Todesursache unklar, wegen des Zustands der Leiche. Das ist das harte Ende dieser Geschichte.

Die Nebensaison macht sichtbar, was die Hochsaison überdeckt. Wenn weniger Touristen durch die Straßen laufen, fällt auf, was sonst im Hintergrund bleibt. Pattaya ist eine Stadt mit zwei Gesichtern — und das ist keine Metapher, sondern eine nüchterne Beschreibung. Wer hier lebt, kennt beide. Wer nur durchreist, sieht meist nur eines.

Leerstand als Symptom

Das eigentliche Problem hinter dem sichtbaren Problem ist der Leerstand. Pattaya hat zu viele Gebäude, die niemandem mehr gehören, der sich um sie kümmert. Eigentümer, die nach Corona aufgegeben haben. Investoren, die auf bessere Zeiten warten. Immobilien, die im Katasterwesen existieren, aber im echten Leben längst aufgegeben wurden. Wer in diese Lücken fällt, lebt dort — mangels Alternative.

Städte, die dieses Problem gelöst haben, haben nicht mehr Polizisten auf die Straße geschickt. Sie haben niedrigschwellige Anlaufstellen geschaffen, die tatsächlich erreichbar sind — nicht in Chonburi, sondern dort, wo die Menschen sind. Pattaya diskutiert das. Umgesetzt ist es noch nicht.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Pattaya will sich neu erfinden. Weniger Massentourismus, mehr Qualität — so lautet die offizielle Erzählung. Das ist kein falsches Ziel. Aber eine Stadt, die Qualität will, muss sich auch um diejenigen kümmern, die von der alten Ökonomie zurückgelassen wurden. Ein leerstehender Ladenateil, der als Schlafplatz für mehrere Menschen dient, ist kein Randproblem des Tourismus. Es ist ein Maßstab dafür, wie ernst eine Stadt ihre eigenen Ansprüche nimmt.

Der Aktionsplan für 2026 existiert. Was fehlt, sind Strukturen, die funktionieren, bevor die nächste Hochsaison wieder das Sichtfeld verengt. Langzeitbewohner, die Pattaya aus nächster Nähe kennen, haben keine Illusionen mehr. Aber sie haben auch die Erwartung, dass eine Stadt, die Milliarden Baht an Tourismusumsatz verzeichnet, sich mehr leisten kann als Räumungsaktionen und Rückkehrmuster.

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11 Kommentare zu „Pattayas Leerstand: Wer jetzt in die leeren Bars einzieht

  1. Die Rechtslage in Thailand kenne ich dazu nicht. Aber eigentlich müsste es doch ein einfaches sein, aufgegebene Gebäude für eine vorübergehende Zwischennutzung zu requirieren. Mit Licht, Wasser und Toiletten – fertig. Diesen Obdachlosen am vergessenen Ende unserer Gesellschaften wenigstens ein Nachtquartier jenseits der Straße anbieten zu können. Aber vermutlich ist das viel zu naiv gedacht.

    1. Oskar, der Gedanke hier eine Hilfestellung zu generieren ist echt human, wird aber scheitern. Warum schreibe ich das? Habe vor 19 Jahren aus eigener Tasche eine wettergeschützte Ruhe und Verweilstelle mit fließend Wasser und WC, auf Bitten des Dorf-Chefs bauen lassen. Schon nach einem Jahr war WC und Umgebung eine stinkende Abfallhalde. WARUM? Niemand will sich darum kümmern und für Ordnung und Sauberkeit zuständig sein. Ist doch gratis und laut gelebter Mentalität MAI-PEN-RAI. Habe mich von solch humanen Ideen befreit, da auf lange Sicht zwecklos.

      1. Herr Bütler, da kann ich nur zustimmen. Wenn man eine Einrichtung baut, die für alle ist, dann kümmert sich keiner. Das nennt man Verantwortungsdiffusion in der westlichen Welt. Und in Thailand kommt noch Mai Pen Rai hinzu. Es scheint mir aussichtslos Menschen ein Zuhause zu geben, wenn die selbst nichts dazu tun. Außer man stellt noch eine Betreuung ein, die aber zu noch mehr Verantwortungslosigkeit führt. Was tun? Es gibt nur eine Lösung: Die Leute zur Eigenverantwortung bringen und dabei ein bisschen helfen. Aber auch hier sehe ich nur sehr begrenzte Erfolgsaussichten, weil nicht jeder will und kann. Fazit: Nicht alles ist lösbar, das sieht man ja auch daran, daß die Leute nicht in der Hilfeeinrichtung bleiben.

        1. DANKE für die Antwort. Genau so ist es. Seit ein paar Jahren beschränke ich eine soziale Hilfeleistung auf die „Katastrophenhilfe“ und spezielle Härtefälle im familiären Bereich und bei der Hilfe der jährlichen Feuerbekämpfung in unserem Baan, da die Politiker das Feuer stark verbal zu löschen versuchen. Als Allergiker leide ich selbst und kann mitfühlen wie es Kleinkindern, Alten und kranken Menschen zu Mute ist. Finanzielle Unterstützung bei staatlichen Schulen habe ich auf NULL abgesenkt. Habe selbst miterlebt, wie diese „Verbildung“ zu akademisch prämierten Gasballonen führte.

    2. Ich nenne sowas in Deutschland Pool Platz. Sowas funktioniert in Deutschland. Ich auch nicht wahrscheinlich nirgendswo auf der Welt ein Platz, wo auf jeder zugreifen kann aber keine verantwortlich ist. Das funktioniert einfach nicht.

  2. Es ist, seit ich Thailand kenne ein Phänomen, was heute ein Friseursalon ist, präsentiert sich Morgen als Bar, Massagesalon oder Mobileshop und 2 Tage später ist es wieder anders. Das ändert sich nach Saison, mal so mal sowieso. War schon immer so.

  3. Tja—würg. Für mich entscheidet sich die Qualität einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten umgeht. Nunja Thailand ist nicht gerade ein leuchtendes Vorbild.

    1. Bottnatt – Zitat ….. wie sie mit den Schwächsten umgeht. Wenn sie wenigstens die Hilfe die man ihnen von der Stadt gewährt auch annehmen würden. Dann könnte man ihnen auch – bezahlte Arbeit – zumuten, je nach persönlicher Möglichkeit z.B. Straßenreinigung, auch gemeinnützige Arbeit etc. Dann könnten sie sich vielleicht auch ein billiges Zimmer leisten + hätten zumindestens ein Dach über dem Kopf. Warscheinlich ist es aber so, bei dem kleinsten Problem fallen sie wieder in alte Gewohnheiten zurück + das ist in vielen Fällen dann Drogen + Alkohol. Ein ewiger Kreislauf + die Stadt kann ja auf Dauer nicht unbegrenzt helfen, dazu gehört ja auch die Bereitschaft sich helfen zu lassen + etwas zurück zugeben + an Regeln zu halten.

      Alles ist NICHT – im Ansatz – erkennbar.

  4. …helfen in Thailand, ein Fass ohne Boden. Selbst der Bedürftigste schafft es Vorbehalte gegen Ausländer zu hegen, ausser bei Geld, steht der Stolz immer im Weg. Ist Dieser dann bezwungen kann Hilfe auch leicht zur Selbstverständlichkeit werden.

  5. Vielleicht habe ich es im Artikel übersehen. Wovon leben denn die Obdachlosen? Sie brauchen ja zumindest Wasser und eine Mahlzeit am Tag. Vielleicht vom Betteln? Eine in der Nebensaison zunehmende Zahl von Bettlern ist mir im Strassenbild (South) nicht aufgefallen.

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